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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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313
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Dreizehnter Brief.

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nannt wird oder Gefühl. Es wäre aber mehr als übereilt,wenn ich meine Sache für gewonnen hielte. Nach jeder-manns Ansicht könnte das Gefühl zwar auch dies, es könnteaber auch noch vieles andere und die von mir hervor-gehobene Seite nur eine unwesentliche Nebenbestimmungdes Gefühls sein; ich mufs also versuchen, nachzuweisen,dafs ich wirklich den Hauptpunkt hervorgehoben, und dafsaus ihm alles übrige abgeleitet werden kann, was vomGefühl gilt. Ehe ich dies versuche, lassen Sie mich nurerst noch einen Blick vom Gefühl aus auf früher Da-gewesenes werfen. Ist Gefühl oder Herz das, was ich ge-sagt, so folgt von selbst, dafs das Ich als solches herzlos,gefühllos ist, und dafs wir es ganz erklärlich finden, wennvon einem herzlosen Menschen gesagt wird, ihm gelte nursein Ich. In der That war ja das Ich das von aller WeltAbgewandte, es stand spröde dem gegenüber, was nichtIch war, während dagegen das Wesen des Herzens indem Interesse besteht, vermöge dessen es bei allem dabeiist, was die Welt trifft; selbst darin verwickelt, liebendsich hingiebt. Ebenso aber waren wir berechtigt, esals einen Mifsbrauch des Wortes Gefühl zu bezeichnen *),wenn es anstatt Empfindung gebraucht wird. Das Indi-viduum empfand, als es sich von der Welt noch nichtunterschieden hatte; ohne dieses Unterschieden-sein (Inter-esse) ist aber von einem Interesse nicht die Rede, nichtvon fr e i er Hingabe, sondernnurvon einem Gebunden-sein.Eben darum werden wir dem Tiere wohl Empfindungen,nicht aber Gefühl oder ein Herz zuschreiben. Die An-hänglichkeit des Hundes an seinen Herrn, die man mit demWoi'te Liebe, Treue, ehrt, ist vielmehr das, was ich ineinem meiner frühem Briefe Rapport genannt habe. Eshat etwas Rührendes, dafs der Hund auf dem Grabe seines

: ) Achter Brief p. 194.