Dreizehnter Brief.
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Begebenheiten, welche gelten zu lassen Glaube genanntwurde. Da war es allerdings an der Zeit, dafs daraufhingewiesen wurde, dafs, was nicht in Weise des Gefühlsin dem Menschen lebt, dafs das ihm noch fremd, nichtwirklich sein eigen ist. Dies ist nicht nur bei der Re-ligion so, sondern bei allem. Denken Sie sich Menschen,die französisch lernen, oder denen die Regeln der gewöhn-lichen Höf lichkeit beigebracht werden. So lange sie nochbei jeder Phrase oder jeder Verbeugung an die Regelndenken müssen, die der professeur oder der maitre de danse ihnen gab, so lange ist das Französische oder diegehörige Haltung noch nicht ihre, sie bewegen sich nichtfrei darin. Dies letztere ist erst der Fall, wenn man kei-nen Fehler begeht oder keine linkische Bewegung macht,weil ein Takt (Gefühl) uns leitet, weil „uns so ist,“ einAusdruck, der das unmittelbare Verschmolzen-sein mit unsausdrückt. Da hat der Mensch das Französische inne,weil es gleichsam persönlich in ihm geworden ist. Ebensoist es in den Gebieten, von denen oben gesprochen ward.Wer an die Regeln der Rhetorik denken mufs, ist nochkein Redner. Wer bei jeder Äufserung erst nachdenkenmufs, ob sie mit den Lehren des Katechismus überein-stimmt, der weifs sie nur erst auswendig. Erst wenn jeneRegeln und diese Lehren mit dem Kern seiner Persönlich-keit, seinem Herzen verschmolzen sind, ist die Kunst derBeredsamkeit, ist die Religion s e i n Besitztum. Was wirnicht fühlen, ist nicht unser, ist nicht solidarisch mit unsverbunden. Woher nun auf der andern Seite die offenbarverächtliche Ansicht vom Gefühl, die namentlich eine Zeit-lang in einer unserer bedeutendsten philosophischen Schulenherrschend war, wo dem Bibelspruch, dafs Gott das Herzansehe, immer der andere entgegengestellt wurde, dafsaus dem Herzen die bösen Gedanken kommen; wo derBehauptung, dafs das Gefühl den Religiösen, das Herz