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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Dreizehnter Brief.

jekt für den Hörer, noch in Gebärden und Thränen sicht-bares Objekt, so wäre er vielleicht unerträglich. Darumerleichtern Klagen, Seufzer, Geschrei, und es ist einealberne Rederei, wenn man dem Klagenden zuruft: das helfenichts; es hilft allerdings, man fühlt weniger, wenn manes so verleiblicht. Der gesunde Menschenverstand weifsdies sehr gut; daher traut er in der Regel dem sehr wort-reichen Schmerze nicht, traut ihm um so weniger, je mehrdie Worte hübsch gesetzt sind, weil dies beweist, dafsman sich mehr als mit dem Ausgesprochenen mit demAussprechen desselben beschäftigt. Der Schmerz ist alsGefühl das Unausgesprochene, ja das Unaussprechliche,und insofern haben gefühlvolle Gemüter ganz recht, wennsie über Profanation der Gefühle durch das Besprechenklagen. In der That, aus dem Heiligtum (Fanum) desHerzens sind wir sogleich heraus, sobald wir die Gefühlezum Objekt machen, die Mysterien sind entweiht, sobaldsie veröffentlicht werden, und Geheimnis ist nur das Un-ausgesprochene. Darum teilen sich auch die süfsestenGefühle viel weniger durch das allgemein (objektiv) ver-ständliche Wort mit, als durch Blicke und Zeichen, welche,indem sie, was man fühlt, erraten lassen, auf der Grenzezwischen Verschweigen und Aussprechen, in der Vorhalledes Heiligtums stehen und jenes süfse Verständnis ohneVerständigungsmittel geben. Was unser Herz verschliefst,ist unser, was davon laut wurde, das teilen wir mit an-dern und haben es daher mehr oder minder verloren.

Der Geist geht also über das Gefühl hinaus, indem er,sich von seinen Gefühlen unterscheidend, dieselben zu sei-nem Objekt macht und anschaut. Da ich die Anschauung,sofern sie Verarbeitung des theoretischen Gefühls ist, inmeinem nächsten Briefe ausführlich betrachten will, solassen Sie mich hier Ihre Aufmerksamkeit nur auf die prak-tische Seite lenken, die ich dann, wie ich Ihnen schon ge-