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Fünfzehnter Brief.
uns von dem Erblasser vermacht wurde, so enthält auchdas Gedächtnis nur solches, was bereits gedacht wurde,und die Stärke des Gedächtnisses besteht darin, solches,was vorher (von andern u. s. w.) gedacht wurde, in Be-sitz zu nehmen und zu behalten. Da nun die Bestimmungdes unreifen Lebensalters nicht war, selbständig zu sein,so wird auch von ihm nicht erwartet werden dürfen, dafses selbst Gedanken schaffe, sondern dafs es sich aneigne,was (ihm vor-) gedacht worden ist. Darum ist beim Kindedas Gedächtnis stärker als bei dem Erwachsenen. Inspäterer Zeit soll der Mensch selbst denken. Es giebtkeinen, dessen Gedächtnis nicht abnähme, und zwar sehrfrüh. Noch mehr; das wenigst begabte Kind hat einbesseres Gedächtnis als der am meisten bewunderte Er-wachsene; denn wenn man bedenkt, dafs es in der Regelin kaum einem Jahre den ganzen Vorrat von Wörternsich aneignet, die einer, ja vielleicht mehreren Sprachenangehören, so ist Mithridates und Mezzofanti nichts da-gegen. Dies hat nicht seinen Grund darin, dafs dasGehirn des Menschen härter wird, sondern darin, dafs eraufhört, Kind, d. h. blofs aneignend zu sein. Dem Ge-dächtnis einprägen, ist im intellektuellen Gebiete, wasGehorsam im praktischen. Hier findet eigentlich das Wort„Lernen“ allein seine Anwendung. Man lernt, indemman sich aneignet, was bereits gedacht worden ist. ImAlter wird das Lernen schwer, weil das Alter zu etwasanderem, zum Selbstdenken, bestimmt ist. Hat man, wasgelernt werden mufs, in der Jugend versäumt, so ist dasspätere Schwer - werden die verdiente Strafe. Ist dieKinder-Intelligenz ihrem Begriffe nach Gedächtnis, so ver-steht sich’s von selbst, dafs bei ihm die Stärke des Ge-dächtnisses das alleinige Mafs ist für die Energie derIntelligenz. Es giebt beim Kinde nur einen Talentmesser,das Gedächtnis, wie es nur einen Sittlichkeitsmesser