Fünfzehnter Brief.
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irgend eine Sprache, die allerverschiedensten Verhältnisseauszudrücken, und das ist doch immer die Hauptsache;denn wir sprechen nicht, um Musik zu machen, sondernum uns zu verständigen und einander ganz zu verstehen;wie es klingt, das ist bei uns weniger wichtig, als waswir sagen. Dies führt mich nun auf die nähere Betrach-tung dessen, was Produkt des Verstandes ist, oder wasgesagt, ausgesprochen wird. Das ursprünglichste Elementder Sprache ist die einfachste Aussage, die man einenSatz nennt; dieser einfachsten Verbindung zweier Worteentspricht als innerer Vorgang das, was man ein Urteilnennt, und wir stimmen darum sowohl mit den Franzosenüberein, welche das Wort jugement oft brauchen, um denVerstand zu bezeichnen als mit Kant, der dem Verständeals Hauptgeschäft das Urteilen zuwies. Durch das Zu-sammenziehen von Urteilen entstehen dann komplizierteVorstellungen, z. B. aus dem Satz: „die Erde ist rund,“die Vorstellung der Erdkugel. Die komplizierten Vor-stellungen nennt man gewöhnlich Begriffe, obgleich,wenn ich in Gedanken eine solche Kombination vornehme,ich darum das Wesen des Besprochenen noch gar nichtbrauche begriffen zu haben. Da ich das Wort „Begriff“bisher nur in dem letztem Sinne gebraucht habe, so werdeich hier höchstens von Verstandesbegriff (im Gegensatzgegen Vernunftbegriff) sprechen können. Endlich gehenaus dem Verketten von Urteilen die Folgerungen undSchlüsse hervor, die, ausgesprochen, Perioden, Ver-kettung von Sätzen geben oder das, was man eine Rede,eine Auseinandersetzung nennen kann. In diesen zeigtsich die Hauptaufgabe der sprechenden Intelligenz. Voneinem, der dies kann, sagt man, er habe Verstand, erverstehe zu sprechen, er sei ein Redner u. s. w. Diesgiebt mir nun Veranlassung, abermals zurückzukommenauf etwas, was oben nur kurz berührt wurde, auf die