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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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388
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Sechzehnter Brief.

in solcher Lage hätten wir in einer gewissen Zeithundert Gedanken und wären wir uns andererseitshundertmal leerer Zeitmomente bewufst worden. Setzenwir nun den Fall, wir verbrächten diesen selben Zeit-raum, es liefsen sich aber nur fünfzig ebenso langdauernde Vorstellungen unterscheiden, so werden sichdie leeren Zeitmomente vermehren oder verlängern undwir werden Langeweile haben, wie dagegen, wenn dieZahl der Vorstellungen wächst, die Zeit uns kürzer wird.(Erscheint Ihnen dies aber gar zu trocken arithmetisch,nun so denken Sie sich den Mittelschlag unserer Tage alsein durch gleich viel schwarze und gleich viel weifseLinien hervorgebrachtes Grau, die langweiligen sollen sichvor ihnen so auszeichnen, dafs darin die schwarzen, dieamüsanten, dafs die weifsen breiter werden. Die Extremewären dann, dafs gar keine Gedanken oder aber, dafsgar keine Zeit wahrgenommen würde.) Jetzt sei nun einsolcher vorstellungsreicher, d. h. kurzgewordener Tagdem Geiste so eingeprägt, dafs er ihn sich wieder ver-gegenwärtigen kann, so wird, wenn dies sehr bald dar-auf geschieht, die Empfindung gerade so sein, wie wirsie hatten. Geht aber eine längere Zeit hin, so gehtallmählich mit jenem Farbenbilde dieselbe Veränderungvor, die unsere Photographen mit dem aufgefangenenLichtbilde Vorgehen lassen, das negative wird zu einempositiven, was auf jenem schwarz war, wird auf diesemweifs, und umgekehrt. Warum wohl so? Weil wirjetzt das Tageslicht des gewöhnlichen Durchschnitts aufjenes Bild haben wirken lassen, oder weil wir, wennwir uns die tausend Vorstellungen zurückrufen, die wirdamals gehabt, notwendigerweise Stoff von zehn solchenZeiträumen finden. Es ist das dieselbe optische Täu-schung, welche uns den aufgehenden Mond gröfser er-scheinen läfst, weil wir ihn wegen der. zwischen uns.