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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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397
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Sechzehnter Brief.

397

Bitte die Phantasie oder auch nur eine Variation wieder-holt hat, so wird er es nicht wahr haben wollen, dafsdie Töne sich seinem Gedächtnis eingeprägt haben,sondern er wird, wie ich von meinem Memorieren,sagen: derselbe Gang der Empfindungen bringt wiederdieselben Töne hervor. Vielleicht aber werden Sie, weilSie dies Ihrem Bruder nicht nachmachen können, daraufbestehen, es sei ein Beweis seines Gedächtnisses, dafs eres kann, nun dann nehmen Sie ein anderes Beispiel, dasIhnen noch näher liegt. Würden Sie es nicht seltsamfinden, wenn man Ihr Gedächtnis rühmen wollte, weil Sienie vergessen, wenn Sie jemandem eine kleine Lektiongeben, die schelmische Miene zu machen, welche Sie gewifszeigten, als Sie den Rötelstift zogen, und von der Sievielleicht selbst wissen, dafs Sie Ihnen allerliebst steht?Sie würden lachen, weil dergleichen nicht auswendiggelernt wird, sondern gleiche Empfindungen stets vongleichen Äufserungen begleitet sind; nun gerade so istes kein Auswendiglernen, wenn ich memoriere, und ichkann unbefangen das Gedächtnis preisen, denn wenn ichje ein gutes hatte, so war es in der Zeit, wo ich nochauf Liebhabertheatern spielte, und wo ich zwar nicht imSpiel, doch aber darin Ihnen ähnlich war, dafs mir derSouffleur nicht kommen durfte.

Ich übergehe die Striche, bei denen Sie es Air frei-gestellt haben, ob ich weitere Auseinandersetzungen gebenwill oder nicht, und halte mich nur noch bei einem auf,da alles sein Mafs hat, auch das Nachsitzen für einschlechtes Exercitium. Freilich ist dieser Strich geradeeiner, den ein doppeltes Fragezeichen begleitet. Ich werdebeide nacheinander zu entfernen suchen. Zuerst scheintIhnen bei der Identifikation von Sprechen und Denken derUmstand gefährlich, dafs es vielerlei Sprachen giebt, denndaraus müsse man folgern, dafs esverschiedenerlei