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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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407
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Sechzehnter Brief.

407

so entsteht die Frage: wie steht es denn eigentlich mitdem Gegensatz zwischen theoretischer und praktischerVernunft? soll man annehmen, dafs es zwei Vernünftegiebt? Der Widersinn, der hierin liegt, und der viel-leicht auch dazu beitrug, jene Männer zu ihrer Einseitigekeit zu bringen, möchte doch vielleicht noch anders zuvermeiden sein. Wie, wenn es sich mit der Vernunftso verhielte wie mit dem reinen Licht, das sich nurdurchs Prisma in entgegengesetzte Farben zerlegt, diedurch ein zweites Glas zu reinem Lichte wieder ver-einigt werden können? (Vergeben Sie, dafs ich nunzum drittenmal*) das Bild brauche.)

Auf eine solche Vereinigung weist hin, dafs oder viel-mehr: eine solche Vereinigung mufs notwendig gedachtwerden, weil der Versuch, die Vernunft nur als theore-tische oder nur als praktische zu denken, mifslingt. Ver-suchen wir das erstere, so geht die theoretische daraufaus, alles in Gesetze, d. h. Gedanken, zu verwandeln;denken wir ihr Ziel erreicht, so hätte sie nur ihre Ge-danken, und ihre Thätigkeit könnte blofs darin bestehen,diese zu realisieren, d. h. praktisch zu sein. Noch deut-licher ist das Gleiche bei der praktischen Vernunft. Diesegeht darauf aus, sich in Realität zu verwandeln. Gelängeihr dies, so gäbe es blofs Vernünftigkeit, die real ist(nicht erst sein soll), und der Vernunft bliebe nur übrig,sich theoretisch zu verhalten. (Darum läfst Fichte, umder Vernunft das Praktisch-sein zu retten, sie ihre Auf-gabe nie realisieren.) Die Sache ist also diese: am Endeist die theoretische Vernunft praktisch und die praktischetheoretisch, und so wird uns amEnde nichts übrig bleiben,als sie als beides zugleich zu denken, um sie richtig, d. h.vollständig, zu fassen. Suchte die theoretische Vernunft,

: ) Achter Brief pag. 192. Neunter Brief pag. 249.