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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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421
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Siebzehnter Brief.

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darin, dafs ekle (delikate) Menschen die lüsternsten zu seinpflegen, als auch darin, dafs das Gelüsten so oft durchdas hervorgerufen wird, was an der Grenze des Ekel-haften steht. Glauben Sie wohl, dafs uns beiden dieAustern so gut schmecken würden, wenn sie nicht eineForm hätten, die auf den ersten Anblick jedem ekelhaftzu sein pflegt? Was ist nun dieser Übereinstimmungs-punkt zwischen dem Ekel Erregenden und dem, was dieLüsternheit hervorruft? Die Unbestimmtheit inder Vorstellung; etwas Mystisches mufs in demliegen, was diese Zustände bewirken soll. Darum ge-lüstet nach dem halb Erkannten, darum giebt das halbVerhüllte die lüsternsten Empfindungen, darum auf derandern Seite erscheinen Gegenstände ekelhaft, die, sei esnun im unreifen, sei es im Verwesungszustande, der be-stimmten Form entbehren oder sie verloren haben undFormlosigkeit zeigen, wie alle schleimigen Substanzen,wie das ausfliefsende Fett eines Limburger Käses, derso reizend ekelhaft ist. Wie darum das ahnende Ge-lüsten und der ebenso nur ahnende Ekel an den nichtwissenden Wissenstrieb sich anschliefsen, so werden sieauf der andern Seite begrenzt und wird ihnen ein Endegemacht durch das bestimmte Wissen. Nicht nur demPhysiologen, welcher weifs, was die roten Pünktchen imgebrüteten Ei bedeuten, hört der Anblick des rohen Ei-weifses auf, ekelhaft zu sein, sondern selbst Ihr FräuleinSchwester würde, wenn sie die Welt, die in einem altenKäse wimmelt, unter dem Mikroskop sähe, vielleicht Ab-scheu, aber nicht mehr Ekel empfinden, denn dazu sinddie Formen zu bestimmt. Die Sonne des bestimmten Vor-stellens oder Kennens verscheucht jene Dämmerungs-zustände, und an die Stelle des Gelüstens tritt das V er-langen, an die Stelle des Ekels der Abscheu, diesich zu jenen verhalten, wie die Erfahrung zur ahnenden