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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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Achtzehnter Brief.

richtung. Wären nun alle Neigungen und wäre das Ge-müt angeboren wie der Trieb, so wäre von Freiheitüberhaupt nicht die Rede. Dafür nun, dafs es wirklichkeine gebe, scheint zu sprechen, dafs niemand sich eineNeigung geben kann, und dafs es nicht von ihm abhängt,ob er Freude an Einem hat, oder dieser ihm gefällt. (DieLiebe, welche die heilige Schrift uns gebietet, ist nichtein Wohlgefallen, das wir haben.) Auf der andern Seiteaber macht uns unser Gewissen doch oft Vorwürfe, wennwir eine Abneigung gegen jemanden haben, und sagt,dies sollte nicht sein, ja tadelt unsere ganze Gemütsart.Ist dies nun blofs Selbsttäuschung? Durchaus nicht. DieSache ist die: weil die Neigung entsteht, nicht gemachtwird, deswegen können wir sie uns nicht geben, sie be-darf angeborner Anlage, welche Hang genannt werdenkann, den man sich nicht giebt; weil sie aber (erst) ent-steht, deswegen können wir dem Entstehen zuvorkommen,und dafs wir dies nicht thaten, das rechnen wir uns alsunsere Schuld an. Ist sie einmal entstanden, so ist frei-lich nichts mehr zu machen; würde aber zur rechten Zeitdazu gethan, so wäre sie nicht entstanden. Dasselbe giltvom Gemüt; ein rachsüchtiges Gemüt wird Rache üben,wie ein schwerer Körper fallen wird; das rachsüchtigeGemüt gereicht aber nicht zur Entschuldigung, denn essoll nicht rachsüchtig sein. Sagt es: ich habe mich nichtdazu gemacht, so antworten wir: aber wohl dich dazuwerden lassen. Auch hier könnte ich übrigens daraufhinweisen, dafs sichs also ähnlich verhält wie mit derGewohnheit der zweiten Natur. Neigung und Gemütwäre dann zweiter, d. h. gewordener Naturtrieb.

Ehe ich eine neue Untersuchung beginne, lassen Siemich noch eine von Ihnen hingeworfene Frage beantworten.Sie finden eine Lücke in meiner Tafel der Neigungen; unterkeine der Rubriken passe die Neigung zu Gegenständen,