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Uebersicht.
die mittlere Jahrestemperatur um 4 bis 5 Grade* sinken, würden dieGletscher wieder unaufhaltsam in das Tiefland hinabsteigen und über dieNiederungen sich ausbreiten und dieß würde um so schneller geschehen, jefeuchter das Klima, je mehr waffrige Niederschlage daher statt hätten. Esbraucht daher keine sehr große Temperaturvermindernng, um das uns soseltsam scheinende Gletscherphänomen zu erklären. Sehr auffallend ist freilichdabei, daß schon zu Anfang der diluvialen Zeit der Gletscher sich über dieebene Schweiz ausbreitete, dann wieder zurücktrat und während Jahrtausendenda, wo früher der Gletscher war, eine ruhige Torfbildung vor sich gehenkonnte, bis diese dann anf's Neue durch ein Vorrücken der Eismaffen ab-gebrochen wurde. Es löst dieß aber die scheinbaren Widersprüche, welchedie Pflanzen- und Thierwelt der diluvialen Ablagerungen uns weisen, indemdie Arten der gemäßigten und der kalten Zone, die sie uns aufbewahrthaben, durch den Wechsel des Klima's, welcher während dieser langen Zeitstatt fand, erklärt werden. Es erklärt sich uns dadurch aber auch die sehrmerkwürdige Thatsache, daß unsere Flora so wenige miocene Pflanzentypenerhalten hat. Es ist sehr begreiflich, daß alle Formen der heißen undwarmen Zone nicht in das jetzige Pflanzenkleid unseres Landes eingefügtwerden konnten; diese werden schon zur pliocenen Zeit verschwunden sein;unsere Molassenflora enthielt aber eine Zahl von Arten, die solchen desgemäßigten Klima's entsprechen und die sehr wahrscheinlich in ihren umge-prägten Nachkommen in die jetzige Flora übergegangen wären, wenn nichteine tiefe Kluft diese von der mivcenen trennen würde. Diese Kluft bildetdie Gletschcrzeit, welche wohl schuld ist, daß die Platanen, der rothe Ahorn,die Balsam-Pappel, die Nnßbäume, die Tulpenbäume, Amberbäume u. a. m.keinen Theil an dem Aufbau unserer jetzigen Landesflora nehmen konnten,während sie doch in Amerika , in ganz nahe verwandten Arten, wiederauftauchen; in Arten, welche unser Klima vortrefflich ertragen und nun alsFremdlinge, als Knlturbäume bei uns erscheinen, während ihre Urahnendoch zu den häufigsten Einsassen unseres miocenen Landes gehört haben.
' Genf hat gegenwärtig eine mittlere Jahrestemperatur von 9.18" C. Die Schneeliniewird bei cirka 2700 Meter ü. M. angenommen. Die Gletscher steigen im Cbamouny1550 Meter unter diese Linie hinab. Würde Genf eine um 4» niedrigere Temperatur haben,(also 5.16» C.>. würde die Schneelinie um 750 Meter tiefer sinken (1° zu 188 Meter an-genommen» und wäre daher bei 1950 Meter ü. M. und die Gletscherlinie käme auf 400 Meterzu stehen, d. h. die Gletscher würden bis Genf vorgerückt sein. In Grindelwald ist dieGletschergrenze bei 1039 Meter. Würde die mittlere Jahrestemperatur um 4" sinken, jo würdedieser Gletscher ohne Zweiscl über das ganze Thal sich ausbreiten und nach wenigen Jahrenan den Thunersee Hinabkommen.