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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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Zweiter Brief.

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zugsweise als seinNaturell bezeichnet zu werden pflegt.Weil es nur seines, deswegen kann es sich dieses Na-turells am wenigsten entledigen, denn seiner Vaterstadtund seinem Lande kann man sich durch Reisen oderAuswandern entfremden, das Stückchen Erde aber, anwelches unser individuelles Naturell geknüpft ist, dasschleppt man mit sich, und trotz aller Fortschritte inder Lokomotive, trotz aller Eisenbahnen und Luftballonsist das Mittel, aus der eigenen Haut zu kriechen, nochnicht erfunden. Seit man diese angeborenen individuellenUnterschiede genauer zn betrachten anfing, hat man auchgefühlt, dafs die augenfälligsten bedingt seien von demangeborenen Verhältnis oder der konstanten Stimmungund Temperatur der wesentlichen Momente, welche dasLeben bedingen, oder was dasselbe heifst, der wesent-lichsten physiologischen Funktionen. Da nun die Physio-logen und Ärzte des Altertums Leben und Gesundheitabhängig machten von der gehörigen Mischung von vierFlüssigkeiten, dem Schleim, dem Blut, der Galle und derschwarzen Galle, so unterschieden sie, je nachdem vonder einen oder der andern jener Flüssigkeiten sich mehrim Körper befand, als die gehörige Temperatur verlangt,eine bestimmte angeborne Konstitution oder ein solchesNaturell. Dies die berühmte Klassifikation der Tempe-ramente, welche nach dem Namen jener Flüssigkeitendie Namen des phlegmatischen, sanguinischen, choleri-schen und- melancholischen bekamen. Die Theorie derAlten von den Temperamenten hat den Mangel, dafs siedie Temperamente als krankhafte Zustände fafsten, wo-zu doch höchstens das Übermafs einer Einseitigkeit ge-rechnet werden könnte, wenn man nicht alle Menschenals krank ansehen will; dies aber würde dazu führen,alle als gesund zu betrachten. Ihre Theorie ist fernerhinsichtlich ihrer Ableitung veraltet, weil kein Mensch