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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Zweiter Brief.

mehr an jene, zum Teil fingierten Flüssigkeiten glaubt.Wie sie aber so oft trotz aller falschen Theorieen, weilsie unbefangener sahen als wir, das Wahre gefundenhaben, wie sie z. B., obgleich sie nicht einmal wufsten,dafs die Arterien Blut führten, die schwierigsten chirur-gischen Operationen gemacht haben, so ist es ihnen auchhinsichtlich dieser verschiedenen Temperamente gegangen.Die Zahl derselben, ja die Charakteristik derselben istganz richtig angegeben, und von einem ganz andernPrinzipe aus und auf ganz anderem Wege kann man zudemselben Resultate gelangen wie sie. Indem ich den Ver-such machen werde, bemerke ich dies eine, dafs mandie angeborene Beschaffenheit, wenn man nur das Leib-liche ins Auge fafst, Konstitution, wenn mehr das innereLeben, Temperament zu nennen pflegt; dafs ich, weil wir(hier wenigstens) gar keinen Grund haben, beides zuscheiden, meistens mich des Wortes Naturell bedienen,bei der Beschreibung desselben aber beide Seiten in Be-tracht ziehen, und darum bald von Konstitution, bald vonTemperament sprechen werde. Hier handelt es sich zu-erst darum, auf die Hauptfunktionen aufmerksam zumachen, in welchen sich das Leben bethätigt. Die Be-zeichnungen Sensibilität, Irritabilität und Reproduktionwaren am Anfänge dieses Jahrhunderts in aller LeuteMund, und es verstand sich fast von selbst, dafs in ihnenbesonders sich das Leben manifestiere. Es kam eine Zeit,und zum Teil dauert sie noch fort, wo der Gebrauchdieser Worte hinreichte, um in den Geruch der Natur-philosophie zu kommen, und da diese Ketzerei bei vielenInquisitoren der exakten Wissenschaft hinreicht, um zumFeuertode verdammt zu werden,, so ist es bedenklich, aufdiese Lehre zurückzukommen. Wenn ich es dennoch thue,so kann ich es, da ich ohnedies zu jener unreinen Kastegehöre 5 einen gewissen Trost mag es mir gewähren, wenn