Buch 
Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
Seite
47
JPEG-Download
 

Zweiter Brief.

47

ker haben beide dieses Gemeinschaftliche, dafs ihre Thä-tigkeit, mag sie nun in ihnen, mag sie durch einen Reizvon aufsen entstehen, auf die Sache gerichtet ist, heidem ersten, um sie sich anzueignen, hei dem andern, umsie zu bearbeiten und gegen sie zu reagieren. Sie könnensich aber eben darum selten verstehen, der eine erscheintdem andern als Indolenter, dieser ist jenem zu passioniert.Jener scheint sich alles gefallen zu lassen, bei diesemscheints, als liefe alles Gefahr, zerstört zu werden. Esliegt aber auf der Hand, dafs, wenn sichs einmal umthätigen Beistand handelt, man sich kaum an besserewenden kann, als an die Phlegmatiker und Choleriker,während der, welchem daran liegt, dafs mit ihm geweintwerde, hier selten seine Rechnung finden wird. Dies vielmehr bei den beiden andern oben erwähnten. Der San-guiniker nämlich und der Melancholiker sind sich daringleich, dafs alles von ihnen aufs Subjekt bezogen wird,von dem einen, um es, von dem andern, um sich selbstzu geniefsen. Darum erscheint jener dem Melancholicusals ein genufssüchtiger Flatterhafter, dieser jenem als einsich selbst quälender Hypochonder. Sie feinden sich an,weil etwas Verwandtes in ihnen sich findet. Wollen Sieeinen Kummer, bei dem es keine Abhülfe giebt, um ihnzu lindern, in das Herz eines andern ausschütten, gehenSie zum Melancholiker; er hat zu oft über das Elendreflektiert, als dafs Ihre Worte nicht gleichgestimmte Saitenseines Herzens treffen sollten. Wollen Sie für irgend etwas,was Sie interessiert, einen teilnehmenden Zuhörer, derSanguiniker ist bereit, ihn abzugeben, er wird mit Ihnenlachen, er wird mit Ihnen klagen, denn er versetzt augen-blicklich sich ganz in Ihre Lage, geniefst mit Ihnen alleSchmerzen und Freuden ihrer Situation. Dies ist oft vielmehr als Hülfe finden. Diese zu leisten, wird er wenigerimstande sein, weil er unter der Zeit gar manchen ge-