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Dritter Brief.
der Natur sich befreit. Fällt nun der Begriff des Be-stimmung - Realisierens mit dem des Sich-Formens oderSich-Bildens zusammen, so folgt notwendig daraus, dafsmit wachsender Bildung oder, was dasselbe heifst, mitverschwindender Roheit (Formlosigkeit) die Zusammen-hänge mit der Natur immer mehr zurücktreten. Darumaber werden Sie sich auch nicht darüber wundern dürfen,dafs ich in meinem vorigen Briefe nur bei Naturvölkernund Kindern das Mitleben mit der Erde nachwies: jenezeigen uns das Geschlecht, diese das Individuum in seinemrohen, d. h. koch nicht geformten, oder mit Rousseau zusprechen, unverkünstelten Zustande. Je mehr der Menschsich bildet, desto schwächer werden jene Zusammenhänge.Sie hören zwar nie ganz auf, allein zuletzt beschränkensie sich darauf, dafs sie nur vorübergehende Stimmungenin dem Menschen hervorbringen. Ich kann darum nurim strengsten Ernst wiederholen, was Sie im vergangenenWinter, wo Sie selbst die Bemerkung machten, dafs derBauer Ihnen im Winter minder aufgeweckt erscheine,für einen Scherz von mir ansahen: es ist dies der letzteRest des Winterschlafs, der uns bei vielen Tieren undPflanzen als Regel erscheint - , wenn Sie den lettischenoder esthnischen Bauern kennten, würden Sie dies nochviel deutlicher wahrnehmen, dagegen werden Sie schwerlichSpuren in Schillers Wallenstein oder in Kants Kritik derreinen Vernunft nachweisen können. Je mehr sich derMensch von der Roheit (d. h. Natürlichkeit) losmachtund in gebildete (d. h. künstliche) Verhältnisse tritt, umso mehr lösen sich jene natürlichen Bande, und an ihreStelle treten die einer künstlichen, daher zweiten, Natur,der Gewohnheit. Während es bei dem Naturmenschensich rächt, wenn er vom Natürlichen sich entfernt, während-dessen ändert der Kulturmensch nicht ungestraft diegewohnte Lebensweise. Ja diese wird so sehr das