Dritter Brief.
67
allein anerkannte Gesetz, dafs wir uns gar nicht mehrwundern, wenn man es unnatürlich nennt, am Tagezu tanzen;■ wenn, wo es einmal geschehen soll, künstlichNacht (d. h. natürliche Ruhezeit) hervorgebracht wird,damit sich eine Polkastimmung erzeuge; wenn man amSchlufs des Tages zu Mittag speist, die Mitte desTages zu seinem Anfänge macht, vor Mitternacht nichtschlafen kann u. s. w. Alles dieses schädlich nennen,weil es doch gegen die Natur sei, heifst vergessen, dafswir eben nicht mehr im Naturzustände leben, und dafses auch gegen die Natur ist, gekochte, d. h. künstlichzubereitete Nahrung zu geniefsen. Es giebt Ärzte — someiner, und ich weifs, dafs auch der Ihrige zu ihnengehört —, die es für eine Art Selbstmord ansehen, wennman nicht um 10 Uhr zu Bette geht. Es ist erklärlich,dafs Männer, die in ihrem Leben mehr kranke alsgesunde Menschen gesehen haben, zu solchen Ansichtenkommen. Krank werden heifst nämlich, wieder unterdie Botmäfsigkeit der Natur kommen, und darum wärees Thorheit, wenn man krank ist, anders als nach denGeboten der Herrin zu handeln. Mag sich einer nochso sehr frei gemacht haben von der Abhängigkeit vomWechsel der Jahreszeiten, wird er phthisisch, so wird ihmdennoch das Frühjahr verderblich u. s. f. Es hat einmalein Patholog versucht, alle Krankheiten des Menschen alsZurückfallen in solche Zustände darzustellen, welche dienatürlichen für gewisse Tierklassen sind, so dafs alsoSkrofeln ein Zurückfallen in den Molluskenzustandwären u. s. w. Diese Theorie, die ebensoviel und nochmehr Schiefes enthält, als die sog. Durchgangstheorie inder Physiologie, ist, ganz wie diese, nicht ohne Wahrheit.Wirklich wird der Mensch, wo er krank wird, demTiere ähnlich, und darum treten auch bei Kranken dieSympathieen mit der Natur wieder hervor, von welchen
5 *