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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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Vierter Brief.

diesem einzigen, zukommt, ändert sich die Sache. Indem Begriff dieses ganz individuellen Naturells liegt offen-bar, dafs, um es zu denken, an kein anderes (Individuumoder Land oder Weltteil) gedacht wird, sondern dafs wirbei ihm ganz allein stehen bleiben, es selbst ganz alleinals ein natürlich bestimmtes denken sollen. Das aber bringtuns in eine schlimme Lage: anderes, als dieses eine Indivi-duum solle n wir nicht denken, ein bestimmtes Naturell aberkönnen wir nicht denken, ohne dafs ein Unterschied vonNaturellen gedacht wird. Offenbar kann jenem Gebot nach-gekommen und dieser Notwendigkeit nachgegeben werdennur in e i n e r Weise: so nämlich, dafs wir an dem einen In-dividuum unterschiedene Naturelle oder es als ein natürlichUnterschiedenes denken. So denken wir es aber wirklich,wenn wir es durch die unterschiedenen Zustände hindurch-gehend denken, die man dieL ebensalter nennt, in welchendasselbe Individuum uns Zustände zeigt, die so unterschiedensind wie phlegmatisches, sanguinisches, cholerisches und me-lancholisches Temperament, die wir aber nicht mit manchenPsychologen Wiederholungen derselben an dem Individuumnennen möchten, weil das Wesentliche des Temperamentsdies war, dafs es die bleibende Temperatur des ganzenIndividuums und daher auch seines ganzen Lebenslaufs seinsollte. Gegen das Resultat dieses Räsonnements, dafsnämlich wie kein Mensch ohne ein bestimmtes Naturell,so auch keiner denkbar ist, der nicht Knabe, Jüngling,Mann oder Greis wäre, gegen dieses wird niemand etwaseinwenden. Ich habe aber anstatt des blofsen Resultatesauch das Räsonnement Ihnen vorgeführt, um Ihnen einPröbchen zu geben, wie ich es mir denke, dafs die ge-nauere Betrachtung eines Begriffs, den wir fixiert haben,uns nötigen kann, ihn anders, vollständiger zu fassen.Erscheint Ihnen, wie ich wünsche, die Deduktion richtig,so haben Sie daran ein Beispiel derjenigen Entwicklung,