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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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95
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Fünfter Brief.

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nur dies bedeutet, dafs der Begriff des Menschen, umvollständig zu sein, das Im-Gegensatz-stehen desselbenenthalten müsse, und ohne dasselbe einen Widerspruchbilden würde, darüber habe ich mich schon ausführlichin meinem vorigen Briefe erklärt. Zuerst glaubte ich amkürzesten zum Ziele zu kommen, wenn ich Ihnen zeigte,dafs Unterschieden-sein ein nicht festzuhaltender Gedankesei, weil sich bei näherer Betrachtung desselben zeigt,dafs es nur unvollendeten (unreifen) Gegensatz bedeute.Allein ich bedachte, dafs Sie mir antworten könnten, dafseine solche Argumentation wohl der Wissenschaft zieme,welche den Unterschied und Gegensatz betrachte, alsoder Logik, durchaus aber nicht ausreiche für eine psycho-logische Untersuchung, die vielmehr nachweisen mufs,warum der Mensch nicht vollständig gedacht ist, wo erabgesehen von allem Gegensatz gedacht wird. Ich ver-suchte darum einen andern Gang. Ich dachte Sie mirgegenwärtig und im Gespräch mit mir. Ich liefs mir zu-geben, wir könnten den Menschen nicht anders denkenals so, dafs wir ihn als ein (von Natur) Unterschiedenesdachten. Jetzt forderte ich Sie auf, mir zu sagen, ob wohlder Mensch im Verlauf der Lebensalter wirkliches Unter-schieden-sein zeige, nnd auf Ihre bejahende Antwort wiesich darauf hin, dafs in jedem Momente dieses Verlaufsder Mensch nur Eines sei, Knabe oder Jüngling u. s. w.Der Unterschied tritt nur hervor, wenn die Lebensalterverglichen werden; d. h. wenn der Mensch (sei es nunvon einem andern oder von sich selbst) beobachtet, be-trachtet wird, so erscheint er diesem Beobachter als Unter-schiedenes. Jetzt denke man sich die Beobachtung weg-genommen, so bleibt der ununterschiedene, Eine Menschübrig. Es folgt also daraus, dafs in den Lebensalternnicht ein wirklich Unterschieden-sein des Menschen ge-geben war, denn ein solches könnte doch nicht durch den