Fünfter Brief.
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anders ist es mit den verschiedenen Äußerungen der Ab-neigung. Vergleichen Sie z. B. den Mann und die Frauin der Eifersucht. Da richtet sich der Hauptzorn derFrau auf die Nebenbuhlerin, die beneidet, der vielleichtin Tracht und Putz nachgeahmt wird; die Liebe zum Un-getreuen kann dabei gleich intensiv bleiben. Umgekehrtbeim Manne. Ganz besonders zürnt er der Frau, welcheeinen Andern, einen so Erbärmlichen u. s. w. ihm vorziehenkonnte. Sehen Sie bei beiden den Hafs, so wird er imäufsersten Grade beim Manne zum brutalen Morde, beider Frau zur langsamen Grausamkeit führen, und wennes einmal erlaubt ist, den Mann mit dem Tiere, die Fraumit der Blume zu vergleichen, so wird uns" der hassendeMann den blutdürstigen Tiger, die hassende Frau diegiftige Blume darbieten, die immer — bella donna bleibt.Fort aber von diesem Gebiete in ein erfreulicheres.
Es hiefse in denselben Fehler verfallen, den ich amAristoteles tadelte, wollte ich hinsichtlich der höchsten Er-scheinungen im Menschenleben, ich meine der Sittlichkeit,der Erhebung im Kunstgenufs und der religiösen An-dacht, einem der beiden Geschlechter eine gröfsere Fähig-keit zuschreiben, als dem andern, wie denn die Kircheauch keinem der beiden Geschlechter einen Vorzug giebt.Damit aber ist nicht ausgeschlossen, dafs auch hier sichein sehr grofser Unterschied zeigen wird. Zur richtigenBeurteilung dieser Unterschiede mufs als leitender Ge-sichtspunkt festgehalten werden, dafs das weibliche Ge-schlecht uns den Menschen in seiner Einheit und harmo-nischen Übereinstimmung mit sich selbst zeigt, und dafswir es darum als ein Unnatürliches ansehen müssen, wennin den Geist und das Gemüt des Weibes die Widersprücheund Gegensätze hineingebracht werden, deren sich derMann nicht erwehren kann und nicht erwehren soll. Ebendarum verleugnet der Mann wenigstens nicht sein Ge-