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Fünfter Brief.
schlecht, wenn er in sittliche Verirrungen gerät, undes giebt für ihn leichter eine Rettung aus denselben, nachwelcher seine Kraft, wenn auch vielleicht geschwächt, dochnicht gelähmt ist. Was er that, war, obgleich schlimmgenug, doch nicht eine Verleugnung seiner Natur. Andersbei der Frau; weil sie dazu bestimmt ist, in innerer Har-monie zu bleiben, deswegen ist es ein unnatürliches Ver-gehen, wenn sie ihr Gemüt von schwarzen Leidenschaftenzerreifsen, wenn sie sich dahin bringen läfst, keck derSitte Hohn zu sprechen. Sie wird es mehr und länger zubüfsen haben als der Mann, denn wer die höchste Selig-keit verscherzt, dessen Strafe ist um so härter. Ein ähn-licher Unterschied zeigt sich in der Kunst. Nur ausinneren Widersprüchen, um sie los zu werden, wird nichtnur Goethes Werth er, sondern jedes andere Kunstwerkgeboren; dann aber ist es begreiflich, warum wir dieSchöpfer grofser Kunstwerke nur unter den Männern zusuchen haben. Wäre nun die Kunst nichts als das Her-vorbringen des Kunstwerks, so müfste ich allerdings sagen,die Kunst ist nur Sache der Männer. Dies aber ist nichtso, vielmehr da die Kunst die beseligende Himmelstochternur darum ist, weil sie Himmlisches, Ewiges, Idealesoffenbart, ein Offenbarer aber ohne Einen, dem offenbarwürde, nicht denkbar ist, so ist jenes Hervorbringen nurerst das Mittel, und das Kunstwerk ist vollendet, d. h.sein Zweck erreicht erst da, wo vor dem vollendeten Ju-piter der Anbetende niederfällt, und wäre es auch, wiein diesem Falle, zunächst nur der Künstler selbst. Indemes genossen wird, wird erst das Kunstwerk vollendet,und zu dieser Vollendung trägt das Weib ebenso viel,wenn nicht mehr bei. Am deutlichsten wird dies bei denKünsten, wo das Werk des Künstlers nur in der Kom-position besteht, zu welcher dann die Ausführung hinzu-kommt. Das Tonstück, die Tragödie ist erst vollendet,