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Fünfter Brief.
geoffenbart werden kann, in männliche Gemüter fallen,und nur das männliche Geschlecht wird Religions s t if t e raufzuweisen haben; aber schon unter den ersten Gläubigenund Glaubensmärtyrern finden sich Frauen und Männer,und zur Ausbreitung der Religion haben auf dem leisenWege der frommen Erziehung sie vielleicht mehr beige-tragen, als die Männer; ganz wie hinsichtlich der Erhal-tung und Verbreitung des Sinnes für Schönheit dies ihnennicht abgesprochen werden kann. Dem Sittlichen also,dem Schönen und dem Heiligen sind beide Geschlechtergleich zugänglich. Derselbe Unterschied aber, auf welchenbei Gelegenheit der ersten Offenbarer des Schönen undHeiligen hingewiesen wurde, dieser zeigt sich auch nochweiter in der Art, wie es in den beiden Geschlechternlebt. In der Frau geschieht dies normalerweise nur inder Form des Gefühls, ihr ästhetischer Sinn und Geschmack,ihr religiöses Gemüt und ihr frommer Sinn, darin bestehtihr Dienst der'Schönheit und ihr Gottesdienst. Wie ihreSittlichkeit stets den Charakter seliger Unschuld behält,weil sie versenkt ist in die Substanz der Sitte, ihr ange-hört, wie das Kind dem Vaterhause, ganz ebenso ist esdie unbefangene (substanzielle) Religiosität und der niegetrübte, sich hingebende Genufs des Schönen, den sievor uns voraus hat. Von jenen innern Widersprüchen,jenem Irrewerden, welche den Mann, der über seinen Ge-nufs reflektiert, zur Kritik und zur wissenschaftlichenÄsthetik, zum Zweifel und zur Religionswissenschaftführen, von diesen weifs die Frau nichts, darum interessiertsie sich für dergleichen nicht, höchstens um eines Manneswillen, dem dergleichen von Wert ist. Dafs, was sobegeistert und anspricht, unter der Lupe des Verstandeszerlegt wird, das erscheint ihr als eine Art Profanation,und als eine prosaische Betrachtung die, welche nachGründen sucht, warum etwas schön ist. In diesem Gebiete