Fünfter Brief.
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wo sie aufgeführt werden, und beide Geschlechter lieferndazu die Virtuosen. Es ist deshalb nicht blofs ein Galli-cismus, der einen Talma sagen läfst: j’ai cree ce röle.Als Schiller zum erstenmal Fleck den Wallenstein spielensah, soll er gesagt haben, jetzt erst lerne er seinen Hel-den kennen. Hätte Shakespeare seine Julia so sehenkönnen, wie ich sie das erste Mal in meinem Lehen sah,•er hätte in Frau Crelinger (damals Stich) mit einemHändedruck die Mitschöpferin seines schönsten Werkesbegrüfst. Aber auch in den andern Künsten ist es ebenso.Das Kunstwerk, das nicht genossen wird, ist unvollendet,und im Geniefsen desselben thun es uns die Frauen zu-vor. Unser Privilegium ist, es zu erzeugen, ihres, es zu•empfangen, zu pflegen, und damit zu vollenden. Ja esist eigentlich seltsam, dies ein Privilegium zu nennen, dasie ja vollenden, während wir nur—die An fangersind. (Vielleicht aber werden Sie in den letzten Wortenein Beiseitesetzen der Erfahrung sehen, welche uns dochzeige, dafs Frauen wirklich Kunstwerke erzeugten. Be-trachten Sie aber die Fälle genauer, so werden Sie finden,dafs der lyrische Ergufs, sei es nun als Dichtung oder alsMitteilung subjektiver Zustände, und das Porträt, wiees teils der Pinsel, teils Briefe liefern, das einzige ist,was Frauen gelang, was wiederum für die Richtigkeitmeiner Charakteristik spricht. Wo sie Objektiveres dar-stellen, wo sie den Konflikt sittlicher Mächte schildernwollten, da mifslang es, ja Annäherungen an den Erfolg,wie in manchen von Frauen verfafsten Tendenzromanen,wurden mit nicht unverdienten Spottnamen bestraft, dieauf die Überschreitung der von der Natur gezogenenGrenzen hinweisen.) — Wie die Frau im Gebiete der Kunstdem Manne gleich steht, so auch im Gebiete der Reli-gion. Auch hier werden die innern Kämpfe, welche demvorausgehen, dafs das geschaute und gefühlte Göttliche