122 Fünfter Brief.
mit Dissertationen ihr zu dienen, und zwar oft nurzur Langenweile.
Die Gleichbei’echtigung der beiden Geschlechter be-steht darin, dafs jedes das Recht und die Pflicht hat,seine eigene Bestimmung zu erfüllen. Wie diese bei demSchliefsen des Bundes verschieden war, wie sie sich alsverschiedene zeigte innerhalb der Verbindung, dies beideshabe ich zu zeigen versucht. Es ist nun endlich daraufhinzuweisen, welches das Resultat des Verbunden-seinsfür beide sein wird. Was dahin führte, ward mit demWorte „Spannung“ bezeichnet. Da nun darunter nichtsverstanden war, als der Zustand eines innern Wider-spruchs, dieser aber begreiflich auf seine Lösung ausgeht,so mufs natürlicherweise auch die Spannung der beidenGeschlechter auf eine Ausgleichung hingehen. Diesewird nun eben in der gegenseitigen Liebe, welche in ihrerwahren Erscheinung Ehe war, erreicht, in welcher, da derMann und das Weib nur eine Seite der Menschheit war,die ganze, volle Menschheit existiert. Es ist darum einsinniger Gebrauch, dafs erst der verheiratete Mann alsMann, die Verehelichte als Frau bezeichnet wird, alswären sie dies vor der Ehe noch nicht vollständig. DerJunggesell ist kein Mann, das Mädchen keine Frau, weilsie ihre Bestimmung noch nicht erfüllt haben. In einernaiven Weise, möchte ich sagen, zeigt dies die Natur darin,dafs die Hagestolzen mit der Zeit etwas Weibisches, diealten Jungfern dagegen etwas unnatürlich Mannhaftesbekommen, und dies ist der Grund, warum beide Ständeso oft zum Gegenstand des Spottes werden. Wer sichaber auch diesen Spott nicht erlaubt, wer Rücksichtnimmt auf die oft ehrenwerten, oft mindestens un-verschuldeten Gründe, welche im bestimmten Falle dieEhelosigkeit hat, auch diesem zeigt das Mitleid, womitihn der Anblick des celibataire und der vieille demoiselle