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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Fünfter Brief.

ihr, und wenn sie gleich sich nie überzeugen wirdvon der Heiligkeit des Buchstabens, so wird sie ihnbefolgen, wie sie richtig spricht, ohne sich der tiefemGründe der grammatischen Regeln bewufst zu sein. Diesmeinte ich, wenn ich sagte, sie lerntso fühlen, wie derMann denkt. In diesem normalen Verhältnis, wie iches eben beschrieb, wird die Frau vom Manne die Be-lehrung empfangen, er dagegen von ihr die Bildung; erklärt sie durch sein Raisonnement auf, sie bildet underzieht ihn durch ihr Sein und durch Offenbarung ihresEmpfindens, beide aber empfangen diese Ausbildungnur durch die Liebe, welche sagt: was mein ist, das istdein, und in der das eine Ich sich im andern findet.Eben darum aber ist auch kaum irgend etwas ein sogewöhnlicher Anfangspunkt für die Liebe, als dieses inder Ehe sich bethätigende Lehr- und Erziehungsverhältnis.Es giebt sehr wenige junge Männer, welche, wenn einehübsche Kokette sie zu Lehrmeistern nahm, nicht, umeinen Jean Paulschen Witz zu wiederholen, Mehrleisterwurden, und ein Kandidat der Theologie, der einerhübschen Dame religiöse Skrupel löste, ohne sich in siezu verlieben, ist mir noch nicht vorgekommen. Um-gekehrt aber, nichts gewinnt das Frauenherz mehr, alswenn man es zur Offenbarung seiner tiefsten Gefühlebringt, und seit der Witwe von Ephesus hat es garviele gegeben, die, während sie um einen Verlust weinten,dem verfielen, den sie gewürdigt hatten, Zeuge ihrerThränen zu sein. Dagegen aber stöfst nichts den jungenMann von einem Mädchen mehr ab, als wenn sie ihnbelehren will, wie ich auf der andern Seite nichtglaube, dafs eine Dame dem Manne etwas schwerervergeben wird, als wenn er ihr eine Taktlosigkeit oderUnschicklichkeit vorwerfen sollte. (Wer war es doch,der gesagt hat, die gröfste Beleidigung für eine kokette