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Achter Brief.
Philosophen, welche sich um die Erörterung des Begriffs„Leben“ verdient gemacht haben, im Altertum Aristoteles ,in der Neuzeit Kant , mit dem Bewufstsein aller überein-stimmten, wenn sie ihre Untersuchungen mit denen überMittel und Zweck verbanden. In der That unterscheidetsich ein Mittel und ein Organ oder Glied nur dadurch,dafs jenes einem ihm fremden Zwecke dient, von dem esdaher Gewalt leidet und verbraucht wird, während dasGlied, indem es dem Ganzen dient, sich selber fördert,darum eben auch nicht verbraucht wird, sondern je mehres gebraucht wird, um so mehr gedeiht, da der Zweckdes Ganzen nicht auf seine Kosten, sondern zu seinemBesten realisiert wird. Dies Verhältnis, welches unsvorschwebt, wenn wir im Altertum die Sklaven alsMittel, die Bürger als Glieder des Staats bezeichnen,fällt uns sogleich in die Augen, wenn wir beachten, wie,damit ein Zweck (ein Haus z. B.) zu stände komme, dieMittel ihre (Feldstein-) Natur aufgeben müssen, währendein Auge, wenn es gar nicht gebraucht wird, geradeaufhört, Sehorgan zu sein, die Übung aber und derGebrauch die Sehkraft schärft. Wenn viele einzelneBestandteile dadurch, dafs ein ihnen innerlicher Zwecksie so zusammenhält, ihre Trennung und Besonderungaufgeben, indem jedes dem andern dient und damit zu-gleich sich selbst, so bilden sie ein beseeltes Ganzesoder haben eine Seele, denn Beseeltsein und eine Seelehaben, wird wohl dasselbe sein. Unter Seele versteheich also das, wodurch ein Zusammengesetztes ein wirklichesGanzes wird, den innerlichen (immanenten) Zweck, zudem alles Einzelne angelegt ist, und den es verwirklicht,nicht indem es sich opfert, sondern indem es sich erhält.So nimmt Aristoteles die Seele, wenn er sie als dieBestimmung des Leibes bezeichnet und beispielsweisesagt: wenn das Auge ein Lebendiges wäre, so würde es