Achter Brief.
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das Sehen zu seiner Seele haben; so nehmen wir dasWort Leib und Seele, wenn wir die Gemeinde den Leibdes Herrn, die Frau die Seele des Hauses nennen.Wollen Sie einen andern, freilich schulmäfsigen Ausdruck,so sagen Sie, die Seele sei die Funktion ihres Leibes,was eigentlich nur die Umkehrung des Satzes ist, dafser ihr Organ ist. Wollte jemand daraus schliefsen, derUnterschied des Leibes und der Seele sei da nicht sehrgrofs, so erwidere ich: er kann gar nicht gröfser gedachtwerden, denn welches Prädikat Sie dem Leibe gebenmögen, immer wird nur das entgegengesetzte auf dieSeele passen. Zeigt uns der Leib eine Vielheit vonBestandteilen und Gliedern, so ist die Seele nicht nurEine, sondern sie ist vielmehr das alle Vielheit zurEinheit Zurückführende; zeigt uns der Leib ein Aus-einander-sein seiner Bestandteile (Gewebe u. s. w.), soist die Seele nicht nur das ihnen allen Allgegenwärtige,sondern sie ist das Übergehen des einen in das andere.
- Stellt sich uns im Leibe Stoff, Materie, vor, so istdagegen die Seele die alle Stoffe bewältigende und denWechsel derselben bedingende Form,, ja um den Gegen-satz hier anzuwenden, auf den im Grunde alle anderenzurückgeführt werden können: zeigt sich im Leibe dasDasein des Lebendigen, so ist die Seele sein Nichtsein,das stete Aufheben seines Daseins, das, was ihn niezu stände kommen läfst. Die letzten Ausdrücke klingenvielleicht zu ketzerisch. Lassen Sie mich sie etwas näherbestimmen. Der Lebensprozefs ist von Lavoisier an bisauf Liebig so oft mit dem Verbrennungsprozefs verglichenworden, dafs ich diesen Vergleich auch zu meinem Zweckebenutzen kann. Wenn eine Kerze leuchtet, oder ein Hausabbrennt, so sagen alle: dies komme daher, dafs dieFlamme an das Wachs gebracht oder Feuer an dasHaus gelegt würde. Dieses Feuer mufs, der jene