Buch 
Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
Seite
188
JPEG-Download
 

188

Achter Brief.

wird die Seele viele Sitze haben, oder um einenAusdruck zu vermeiden, der doppelt barbarisch hinsicht-lich der Seele, die ja kein ruhiges, darum auch nichtstillsitzendes, Ding sein sollte die Seele als dieFunktion des ganzen Leibes zeigt sich in einer Vielheitvon Funktionen, die an gewisse Organe gebunden sind,so dafs also das Lebensprincip als Verdauungsprincipsich im Magen, als Princip der Empfindung im Gehirnbethätigt. Sollten sich aber gewisse Lebensfunktionendadurch als die Centralfunktionen erweisen, dafs, wo sieaufhören, alle andern ihr Ende erreichen, so wäre es,wenn auch nicht zu rechtfertigen, wenn die Werkzeugedieser Funktionen allein als Seelenorgane bezeichnetwürden, so doch mindestens zu erklären. Dies ist nunwirklich der Fall. Bei den höheren Tieren hört beiZerstörung der Organe, durch welche Empfindung undspontane Bewegung zu stände kommt, jede andere Funktionauf, daher die so allgemein herrschende Ansicht, dafs dieSeele im Gehirn sitze, welche, konsequent durchgeführt,zum Resultat haben müfste, dafs, wenn der ganzeübrige Leib dem Kopf genommen wird, die Seele inihm fortexistieren kann. Das Leben ist, je nach seinenverschiedenen Seiten, an alle Organe gebunden, undmit Recht wird es ein halbes Leben genannt, wennwesentliche Organe unbrauchbar werden oder verlorengehen; Lebensprincip aber war mir Seele.

Ich habe mit Absicht bisher das Wort Mensch ver-mieden und habe ebenso absichtlich zuletzt von Tierengesprochen, damit gar kein Zweifel darüber stattfinde,dafs alles bisher Gesagte von der Seele überhaupt, darumaber auch von allen Seelen, mögen sie tierische, mögensie menschliche sein, Gültigkeit hat. Indem ich nunmich zu dem menschlichen Leben insbesondere wende,bitte ich Sie, sich dessen zu erinnern, oder wenn Sie