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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Achter Brief.

einige Gebärden, die so nabe an die blofs willkürlichenBewegungen grenzen, dafs man sie lieber diesen zuweisenmöchte, so z. B. ganz konventionelle Bewegungen, wieHut-abnebmen, Kompliment-machen. Auf der andern Seitestehen einige Gebärden den ganz unwillkürlichen Verleib-lichungen so nabe, dafs man zweifelhaft werden kann, wosie hingehören, und dies gilt gewissermafsen von Lachenund Weinen, welche den Übergang aus einer Sphäre indie andere bilden. Sie werden es daher begreifen, dafsich besonders bei den zwischen jenen Extremen befind-lichen mich aufhalten werde, hinsichtlich deren kein Zweifelstattfinden kann, weil sie den Gebärdencharakter amreinsten darbieten. Unter Gebärden verstehe ich also die-jenigen Bewegungen, welche zwar willkürlich gemacht undunterlassen werden können, die aber durch ihre Allge-meinverständlichkeit beweisen, dafs sie nicht ganz beliebiggewählte Zeichen sind, wie z. B. die Buchstaben in derFingersprache. Diese Verständlichkeit der Gebärden,welche bei einigen derselben darin liegt, dafs sie Anfängezum Handeln sind (so wird das Heben des Stocks gleichbeim erstenmal auch vom Tiere verstanden, weil esder Anfang des Schlagens), gründet sich bei andern aufihre Symbolik, d. h. darauf, dafs die Gebärden in ihrerSphäre eine Ähnlichkeit haben mit dem, was ausgedrücktwerden soll. Dafs die Gebärden zu ihren Organen dieBewegungswerkzeuge haben, ist begreiflich, daher spielenhier zuerst die Extremitäten eine grofse Bolle. Der auf-rechte Gang ist die absolute Gebärde des Menschen, dieseine Herrschaft andeutet; wo er niederfällt, verstehtjeder, dafs er übermannt ist, sei es durch Furcht, seies durch die Last der Wohlthaten. Der Gang modifiziertsich dann: anders geht der Hoffende, anders der Fürch-tende; anders trägt sich der Mensch im Augenblick be-friedigten Stolzes, anders, wo er demütig bittet oder