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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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Zehnter Brief.

erstenmal sieht. Sehen Sie da die Lage des Ich, wie eseben geboren oder vielmehr eben von sich selber geschaffenwurde. Was das Individuum war, das steht ihm jetztgegenüber; indem es von seinen eigenen Zuständen sichunterschied, sind aus den Zuständen Gegenstände gewor-den. In dem es bisher lebte, von dem weifs es jetzt,und die Präpositionenin undvon geben sehr gutden Unterschied an zwischen der frühem Einheit und dergegenwärtigen Trennung. Bisher wie ein Tropfen ver-schwimmend in dem Oceane alles Seins, jetzt innerlich da-von gesondert, und in ihm sich als ein verschlagenerFremdling wissend, mag ihm wohl für den Moment bangewerden in dieser seiner einsamen Armut. Es liegt darumin der Natur der Sache, dafs es sich augenblicklich inein Verhältnis zu setzen sucht zu dem, von dem es sichlosrifs. Welches sein erstes Verhältnis sein wird, ist ihmbei dem ersten Schritt seiner Laufbahn nahe gelegt. DenÜbergang zu seinem neuen Standpunkt bildete der Lebens-prozefs in seinen beiden Formen, also zunächst die Empfin-dung. Sie ward das Schwungbrett, vermittelst dessen sichdas Ich emporschwang über die blofse Individualität; ebendarum wird auch zunächst nur sie in ein Objekt verwan-delt dem Ich gegenüberstehen, und es auf die Objekt ge-wordene Empfindung sich beziehen. Lassen Sie mich, umdiese Gestalt des Ich, welche blofse Perception odersinnliches B ewufstsein genannt werden kann, näherdarzulegen, sogleich an einer bestimmten Empfindungnachweisen, wie die eben angedeutete Verwandlung vorsich geht. Ich hatte, etwas paradox, gesagt, dafs in derEmpfindung des Auges, die wir blau nennen, dieses Worteigentlich unsern Zustand bezeichne, so dafs der exakteAusdruck für diese Empfindung eigentlich blau-Sehen wäre,und wir sagen müfsten: ich sehe blau, in adverbialer Be-deutung. Zieht sich nun das Ich von seiner Empfindung