Dreizehnter Brief.
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sequenz den Satz geltend machte: die Frömmigkeit sei einGefühl, war hierin sehr exakt; er gab als Inhalt diesesGefühls den eigenen Zustand der Abhängigkeit an; der Aus-druck: „ich fühle mich abhängig“ ist genau und streng.Wenn dagegen Schüler von ihm gesagt haben: „ich fühle,dafs Christus der Erlöser ist, “ so ist dies ungefähr so ge-nau gesprochen, als wollte man sagen: „ich schmecke graueFarbe,“ oder: „ich rieche Es-Dur.“ Fühlen kann mannur sich, sein eigenes Dabei - sein, d. h. seinen eigenenZustand. Dafs Christus der Erlöser ist, das weifs man,oder, weil man sich sonst ein Rätsel wäre, schliefstman darauf. Dagegen ist mit Recht ein Lieblingsausdruckdes Gefühls: „mir sagt, ich weifs nicht was, ich finde,ich weifs nicht warum“ u. s. w., d. h. alles Wissen undalles „Weil“ ist ausgeschlossen. Wer die Religion darumin das Gefühl oder in das fromme Bewufstsein setzt, darf,wo er Religion verkündigen will, wie Schleiermacher dasauch that, nur fromme Gemütszustände beschreiben. Weilso das Fühlen ein Sich-in-einem-Zustande-finden ist, ebendeswegen enthält jedes Gefühl ein Verhältnis zwischendem Fühlenden und seinem Zustande, und da dieses einharmonisches oder disharmonisches sein kann, so fallenalle Gefühle unter die Klassen des Angenehmen undUnangenehmen; jenes ist Empfindung des Gefördert-,dieses des Gehemmt-seins. Wir haben diese beiden Worteschon bei den Empfindungen angewandt und zwar bei denen,in welchen neben der Affektion auch das empfindende Organals davon unterschiedenes empfunden ward. Wir habendort gesagt, dafs der fünfte Sinn ganz besonders der Quellder angenehmen und unangenehmen Empfindungen sei.Dies ist abermals einer von den Gründen, warum er unddie hier betrachtete Gestalt des Geistes mit einem unddemselben Worte benannt wird. Wenn Sie gewöhnlichdas Gefühl erklären hören als das Vermögen, Lust oder