Fünfzehnter Brief.
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Ansicht, und ich hoffe, Sie werden sie bald teilen. Wirkonnten die symbolisierende Phantasie poetisch, d. h. schöpfe-risch, nennen, weil sie im Fuchs den Schmeichler, imLöwen die Stärke sehen konnte, weil es ihr einfiel, beidezum Sinnbilde zu nehmen. Sie ist aber, genauer betrachtet,nicht so allmächtig, Avie sie zuerst scheint. Erstlich schondeswegen nicht, weil abgesehen von der Bedeutung, diesie dem Gegenstände beilegt, dieser noch seine eigne Be-deutung behält, also in der That nicht so unwesentlichist, wie sie ihn behandelt. Aufser dem Sinn, welchen sieihm beilegt, hat der Löwe noch seinen eigenen, ja sogarseine fünf eigenen Sinne. Er ist aufser dem, wozu erder Intelligenz dient, noch sehr vieles, was er ganz ohneihr Zuthun ist, und sie wird darum ihm gegenüber nichtzum Bewufstsein ihrer wirklichen Schöpferkraft kommen.„Ja,“ werden Sie vielleicht sagen, „darin, worin dasPoetische bestand, in dem Hineinbilden der Bedeutung,des Sinnes, in den Gegenstand, darin ist sie doch wirklichunabhängige Schöpferin.“ Ich bestreite aber auch dieses.Sie ist selbst hierin gebunden, und zwar durch die Be-schaffenheit des Gegenstandes, nach der sie sich richtenmufs. Die Intelligenz kann nicht das schwankende Rohrzum Bilde der Konsequenz, oder Maitre Baudet zumSymbol der Grazie machen, dazu sind beide nicht ge-schickt; nur wozu sie sich selber eignen, dazu können siegenommen werden. (Dieses unterscheidet unter manchemandern, was nicht hierher gehört, das Symbol von der Alle-gorie.) Wenn aber die Intelligenz von dieser Beschaffen-heit des Gegenstandes Gesetze annimmt, so ist wirklichihr Vorbilden noch sehr mit dem Nachbilden und Ein-bilden verschmolzen, hat sich noch nicht aus beiden her-ausgeschält, und also nur erst begonnen. Soll die In-telligenz ihrem Wesen gemäfs sich als wirkliche Freiheitzeigen, so mufs sie weiter gehen auf der Bahn, welche