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Fünfgehnter Brief.
sie im Symbolisieren betreten hatte. Dies wird so ge-schehen, dafs sie ihren Gedanken als den Sinn und dieBedeutung in einen Gegenstand legt, der sonst ein ganzbedeutungsloser, sinnloser, völlig unwesentlicher ist, undsich um seine sonstige Beschaffenheit gar nicht kümmert.Einen solchen Gegenstand nennen wir nun nicht mehr einSymbol, sondern ein Zeichen. Es hat mit dem Sinn-bilde dieses gemein, dafs nicht sein eignes Sein, sonderndas, wofür es steht, das Wesentliche ist, und darumsagen wir, ganz wie vom Löwen gesagt wird, er bedeuteStärke, auch von ein paar Tuchlappen, dafs sie die fran-zösische Nationalität bedeuten. Der grofse Unterschiedaber ist, dafs dort eine Ähnlichkeit zwischen Bild undSinn stattfindet, während zwischen einem blau-weifs-rotenLappen und Frankreich von einer Analogie nicht die Redeist; ferner, dafs der Löwe aufserdem noch ein sehr be-deutendes Tier ist, das für den Zoologen Wert hat, wäh-rend die Kokarde, abgesehen von ihrer Bedeutung, einvöllig wertloses, bedeutungsloses Ding ist. Wenn dieIntelligenz ihre Vorstellungen bezeichnet, so ist sie alsooffenbar bei weitem mehr produktiv als dort, wo sie die-selben in einem passenden Sinnbilde darstellte. Sie wirddies umsomehr, je mehr das Zeichen für die Vorstellungso beschaffen ist, dafs seine Abhängigkeit von der Intelli-genz augenfällig ist. Dies ist nun der Fall hinsichtlichder Gebärden, die als Bewegungen vorübergehend sindund darin ihre accidentelle Natur zeigen, als willkürlicheaber nicht verleugnen können, dafs sie im Dienste derIntelligenz stehen. Obgleich nun, wie die Fingerspracheder Taubstummen beweist, auch die aufs Auge berech-neten Gebärden Zeichen von Vorstellungen werden können,so eignen sich doch die ans Ohr sich wendenden Lauteam besten dazu, und als das passendste Zeichen derVorstellungen mufs darum das Wort angesehen werden.