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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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372
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Fünfzehnter Brief.

Macht, welche uns bestimmt, nicht das eigne Wollen.Haben wir daher etwas uns recht eingeprägt, wie dasEinmaleins oder das ABC, so brauchen wir gar nicht mehruns dafür zu interessieren, sondern wir sagen es her, ohneetwas zu denken, es geht wie ein Uhrwerk, um das wiruns gar nicht zu bekümmern haben. Man nennt einsolches Hersagen ein geistloses, und in der That beschäftigtsich der Gleist während der Zeit vielleicht mit ganzanderem. Dies aber scheint den eben von mir getadeltenPädagogen Recht zu geben, welche sich gegen das Ge-dächtnis-Lernen erklärten. Denn wie ? sollte der Menschdahin gebracht werden, sich geistlos mit irgend etwas zubeschäftigen? Warum nicht, lieber Freund, wenn diesesEtwas derart ist, dafs es nicht verdient, dafs der Geistsich seine Zeit damit verdirbt? Was ist besser, dafs derMensch eine regelrechte Verbeugung macht, ohne daranzu denken, oder dafs er an die dritte Position, an dennach auswärts gebogenen Ellenbogen u. s. w. denkt? Wasist des Menschen würdiger, dafs er das Einmaleins soweifs, dafs er es hersagen und dabei an die Bestimmungdes Menschen denken kann, oder dafs er seinen Geistganz einer Beschäftigung hingiebt, die Babagges Rechen-maschine, ja jeder Rechenknecht ebensogut kann wieer? Was mechanisch betrieben werden kann, das mufsauch so betrieben werden, damit der Mensch Zeit be-halte, mit dem sich zu beschäftigen, was eine andereBehandlung erfordert. Abgesehen davon aber ist dieseZucht, unter welche die lernende Intelligenz genommenwird, hinsichtlich höherer Funktionen derselben von grofserWichtigkeit. Wie die gezwungenen Stellungen, die derTanzmeister seinen Eleven zumutet, dazu dienen, dieSteifigkeit der Glieder zu brechen, so wird in der Zuchtdes Gedächtnisses, wo dem Menschen zugemutet wird,den sinnlosen Laut sich anzueignen und sich die willkür-