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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
Entstehung
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393
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Sechzehnter Brief.

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Seite des Gedächtnisses, die darum auch Vorkommen kann,wo kein starkes Gedächtnis stattfindet, wie ich dennselbst einen Schulkameraden gehabt habe, welcher nebengrofsem mimischen Talent die Gabe besafs, Laute fremderSprachen so nachzuahmen, dafs man glaubte, er sprechediese Sprachen, dessen Gedächtnis aber nicht stark war.Zu diesem gehört aufser der Reproduktion des Lautesauch noch die Association desselben mit dem dadurchBezeichneten. Auch diese ist bei dem Behalten der Eigen-namen gegeben, und ich mülste es ganz mit dem Gedächt-nis zusammenstellen, wenn nicht ein Drittes bei ihm fehlte,was dem Gedächtnis gleichfalls wesentlich war, dafs esauf der Abstraktion beruhte, und die Verbindung abstrak-ter Vorstellungen mit ihrer Bezeichnung festhielt. Dasist hier nicht der Fall. Im Eigennamen ist Laut und einGegenstand associiert, fest verbunden. Diese einfache Kom-bination ist selbst dem Tiere zugänglich, welches, beiseinem Namen gerufen, Folge leistet und, wie der gemeineSprachgebrauch sagt, seinen Namenversteht, besser:ihn wieder erkennt. Darum sind Eigennamen wirklich, wasdie Worte nicht waren, Spielmarken und Stellvertreter dereinzelnen Dinge; wäre der Gegenstand, den sie vertreten,zur Hand, so würde man statt ihrer sagen: der oder dieda. Gerade das aber, wodurch sich das Wort vom Eigen-namen unterscheidet, dafs es Klassen, Gattungen be-zeichnet, gerade dies giebt ihm den Gedanken-Inhalt, unddarum kann ich wiederholen, dafs der Name Gedächtniszu vornehm ist für das Behalten der Eigennamen, welchesWiedererinnerung, Rückerinnerung und Association ist,mehr aber nicht. Wegen dieses Unterschiedes sieht manauch das Vergessen von Eigennamen beim Älterwerdenoder nach Krankheiten lange nicht als etwas so Bedenk-liches an, als wenn einer das Wort nicht finden kann.Hier fürchtet man, dafs die Denkkraft, der Verstand ge-