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Sechsehnter Brief.
des Entgegengesetzten gilt, so wird die Intelligenz denWiderspruch, der im Gedächtnis und Verstände lag, tiber-winden, wenn sie nur bei sich ist, indem sie bei dem Ob-jektiven ist, und umgekehrt nur dann mit Objektiven sichbeschäftigt, wenn sie sich mit sich beschäftigt. Dies aberist wirklich der Fall, wenn sie sich als das allein Ob-jektive erfafst und in allem Gegenständlichen nur sichselbst hat und erkennt. Wir nennen die Intelligenz aufdieser Stufe Vernunft; ihr Thun kann im Gegensatzgegen das endliche Denken, welches mit anderem beschäf-tigt war, freies, d. h. von aller Endlichkeit befreitesDenken heifsen. Die Wahl des Namens „Vernunft“für diese Gestalt der Intelligenz könnte bedenklich er-scheinen, da ich mich desselben Wortes bereits bedienthabe, um das allgemeine Wesen des Menschen zu bezeich-nen, in welches sich das Ich versenkt, um zur Intelligenzzu werden. Dafs aber für die höchste Entwickelungsstufewieder dasselbe Wort gebraucht wird, wie für das ganzesich Entwickelnde, dafür führe ich aus den hundert Ana-logieen nur diese an, dafs man die höchste Entwickelungder Blume wieder Blume nennt. Der Unterschied zwischender Vernunft im engem Sinne, die wir hier betrachten,und der Vernunft, die wir früher auch Vernünftigkeitnannten, ist, dafs in jener die Intelligenz sich als Vernunftverhält, oder dafs sie vernünftig denkt, während sie hiernur Vernunft oder vernünftig war. Wenn wir, mit derVernunft Vernunft in der Welt finden, dann haben wir einRecht, die Redensart anzuwenden, dafs wir uns „darin ge-funden“ haben; wir sind in dieser Betrachtung völlig frei,weil wir uns nicht verlieren, sondern stets bei uns sind.Damit Sie aber nicht glauben, wozu vielleicht der Ausdruck„von Endlichkeit befreit“ Sie verführen könnte, dafs ichhier eine Intelligenz fingiere, die über die Grenzen desMenschlichen hinausgeht, so beobachten Sie das Thun eines