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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Siebzehnter Brief.

Unter Neigung also war verstanden konstante Willens-richtung. Der Neigungen aber giebt es verschiedene,wenigstens jene drei Klassen derselben, und so erscheintdas Wollen nach verschiedenen Richtungen hingezogen.Das Resultat wird sein, wie in dem ganz analogen Fallein der sichtbaren Welt, wo ein Körper von Kräften be-wegt wird, die in verschiedener Richtung wirken: esentsteht eine mittlere Richtung, welche man die Resul-tante nennt, im Gegensatz gegen die einzelnen Richtungen,die ihre Komponenten sind. Die stetige Willensrichtung,welche die Resultante der verschiedenen Neigungen ist,nenne ich Gemüt, ein Wort, mit welchem, trotz dessehr schwankenden Sprachgebrauchs, doch alle die Vor-stellung verbinden, dafs es sich um eine Willens-bestimmtheit und nicht etwa um Intellektuelles, wie Ge-dächtnis u. s. w., handelt, und bei dem ebenso alle anein Unveränderliches, trotz aller verschiedenen Hand-lungen Gleich-bleibendes denken. Gemüt ist also dieMitte aller Neigungen. Ganz so nun, wie man von demKönig sagt, er handle königlich, wo er als König, wieein König handelt, ganz ebenso werde ich das Wortgemütlich, Gemütlichkeit brauchen, um damiteinfen Zustand zu bezeichnen, in dem der Mensch sichals Gemüt verhält. Dieses Wort, welches bekanntlichandere Nationen als unübersetzbar ansehen, und von demein geistreicher Schriftsteller unter uns gesagt hat, eswerde immer gebraucht, wenn uns nichts Gescheidtes,(d. h. Geschiedenes, Bestimmtes) einfalle, wird bei mir alsoeinen ganz bestimmten Sinn haben, den ich nicht etwawillkürlich mit ihm verbinde, sondern welcher allen beimGebrauch dieses Wortes vorschwebt. Wir nennen dieStimmung ungemütlich, wo eine Richtung sich desMenschen so bemächtigt hat, z. B. ein Affekt, dafs ernicht imstande ist, eine andere Neigung zu verstehen