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Die Urwelt der Schweiz / von Oswald Heer
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575
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Zeiten der Hebung.

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Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, daß diese Nivcanäuderungennicht plötzlich, sondern wahrscheinlich sehr allmählig erfolgten. Wenn manaber behauptet, daß auch die letzte pliocene Hebung der Alpen so allmähligund unmerklich vor sich gegangen sei, daß, wären sie von Menschen bewohntgewesen, diese nichts davon verspürt hätten, so vergißt man die kolossalenVerwerfungen und Verschiebungen, welche Felsmassen von mehreren tausendFuß Höhe über einander thürmten, die tiefen Spalten, die ganze BergeauS einander rissen, und die enormen Trümmcrmassen, welche in die Thälergestürzt sind und ganze Hügel in denselben gebildet haben. Es ist sehrunwahrscheinlich, daß die 6000 Fuß hohen Felswände des Glärnisch soganz unmerklich über die darunter liegenden jüngern Nummulitenlager ge-stoßen worden, oder daß das Losreißen des Galanda von der Kette derKurfirstcn-Alvier, mit der er einen so merkwürdigen Halbkreis um die Scr-nifitberge des Kantons Glarus bildet, so ganz im Stillen vor sich gegangen,noch auch daß das Herunterstürzen der Hügel, die aus der Thalsohle vonGlarus sich erheben (des Bergli, Bürgli und ehemaligen Tschudirains) vomGlärnisch ohne große Erschütterungen erfolgt sei. Wenn man auch früherdiese großen Naturprocesse zu plötzlich und rasch vor sich gehen ließ, so gehtman jetzt anderseits zu weit und spielt mit Millionen von Jahren, auf dieman sie vertheilt, um dadurch ihre Wirkung abzuschwächen und sie an dasvon dem Menschen Gesehene und Erlebte anzupassen, wobei man aber nurzu leicht vergißt, einen wie winzig kleinen Theil der Erdgeschichte die histo-rische Zeit umfaßt und ein wie kleiner Theil der Erdprocesse in dieser zurErscheinung kam und am menschlichen Auge vorüberging. Auch die Vor-stellung, daß diese Processe immer gleichmäßig und ohne Unterbrechung vorsich gehen, dürfte kaum richtig sein, vielmehr sehen wir, daß auf langeZeiten der Ruhe wieder solche der großartigsten Veränderungen folgen. Sokommt auf den langen Zeitraum ruhiger Entwicklung, welcher die Stein-kohleuperiode charakterisier, die stürmische permische Epoche, welche in relativkurzer Zeit eine gänzliche Umänderung des Naturcharakters herbeiführte, sohaben wir ferner gesehen, daß die großartigste Umwandlung in der ganzenPhysiognomie unseres Landes in der verhältnißmäßig kurzen pliocenen Zeitsich vollzogen hat. Wohl sind in unserem miocenen Lande auch große Ver-änderungen vor sich gegangen, waren ja in Folge von kontinentalen Sen-kungen und Hebungen seine Niederungen bald vom Meer, bald von süßemGewässer überfluthet, allein diese Aenderungen waren doch lange nicht sotief greifend wie die zur pliocenen Zeit, wo durch das Aufsteigen der kolos-salen Gebirgsmassen nicht nur der ganze Wunderbau unserer Alpen entstand,sondern selbst auf die benachbarte Molasse ein solcher seitlicher Druck aus-