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Allgemeine Betrachtungen.
geübt wurde, daß sie längs ihres ganzen Randes von: Bodensce bis nachGenf in einer mehrere Stunden breiten Zone zn Hügeln und Bergen sichaufthürmte, welche im Speer und Rigi die Höhe von 1956 und 1800Meter erreichen. Und doch ist es höchst wahrscheinlich, daß der Zeitraumzwischen der ersten und fünften Molaffenstufe gar viel länger ist als derplioccne. Der Schichtenbau unserer Alpen zeigt uns daher, daß in ihrerEntwicklungsgeschichte Zeiten relativer Ruhe mit solchen großer Umwand-lungen gewechselt haben.
Man wird aber vielleicht weiter fragen, in welchem Verhältniß stehendiese geologischen Zeiten zu denen der menschlichen Geschichte; läßt sich nichtdie Zeitdauer der verschiedenen Eisperioden und ihr Abstand von der Jctzt-welt in bestimmten Zahlen ausdrücken? Ehe wir an die Beantwortung dieserFrage gehen, haben wir nachzusehen, welcher Maßstab zu Beurtheilungdieser Verhältnisse anzulegen sei. Der Mensch geht von dem Zeitmaß aus,das ihm angeboren und durch seine Lebensdauer bestimmt ist. Welchen Ein-fluß dieses aber auf die gesammte Auffassung der Natur ausübt, hat derAkademiker Bär in so leicht faßlicher und geistreicher Weise nachgewiesen,daß wir ihn darüber hören wollen. „Es nimmt Bär den Fall an, daß dieLebensdauer des Menschen von 80 Jahren (also etwa 29,000 Tagen) aufden tausendsten Theil, also auf 29 Tage herabgesetzt sei und daß gleich-zeitig im selben Maße der Pulsschlag häufiger und die Auffassung deräußern Eindrücke* rascher werde. Ein solcher Mensch würde in seinemganzen Leben nur einen Umgang des Mondes mitmachen, den Wechselder Jahreszeiten würde er nur aus Ueberlieferungen kennen und es könnte -sein, daß viele Generationen vorübergegangen wären seit jener Periode großerKälte, die wir Winter nennen. Nochmals auf ein Tausendstel, d. h. auf40-42 Minuten mittlerer Lebensdauer herabgesetzt (wie sie manchen Ein-tagsfliegen zukommt), würde ihm selbst der Wechsel von Tag und Nachtunbekannt bleiben, und wäre er scharfsinnig genug, um zu bemerken, daßwährend seines Lebens sich die Sonne dem Horizont im Westen ein weniggenähert, so hätte er doch keinen Grund zu vermuthen, daß sie jemals wieder
* Es wird diese durch die Zeit bedingt, welche zwischen der Empfindung eines Eindruckesund seines geistigen Erfassens verstreicht; so braucht, wie dieß durch direkte Versuche ermitteltwurde, beim Menschen der Eindruck, der auf die Netzbaut des Auges bervorgebracht wird,'/>o Sekunde, um seinen Weg zum Gehirn zurückzulegen und dort vom Geist erfaßt zuwerden. DaS Zeitmaß dieser Bewegung muß auf die ganze Auffassung der Außenwelt großenEinfluß ausüben und sie würde eine ganz andere, wenn jene äußern Eindrücke erst nacht Minute oder ll> Minuten u. s. w. dem Geiste vermittelt würden, um so mehr, da auchdas Verhältniß zu den konstant bleibenden Schall- und Sichtweiten verändert würde.