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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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129
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Fünfter Brief.

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nicht dahin gebracht, mit solcher Sicherheit des BlickesVerhältnisse zu überschauen wie sie; warum also wollensie nicht in dem Gebiete bleiben, wo wir uns vor ihnenbeugen, anstatt sich der Gefahr auszusetzen, dafs wirunter einem verlegenen Lächeln das spottende, ja vielleichtgar das Gähnen verbergen?

Sie könnten nun vielleicht bemerken, dafs auf dieseWeise eigentlich nie ein volles Verständnis zwischenbeiden Liebenden stattfinden könne, indem beide sich inder Lage zweier befänden, die verschiedene Sprachenreden. Ich nehme das Gleichnis an, es ist richtig;sie verstehen sich wirklich nur, indem die Frau dieBelehrungen des Mannes ins Schöne (Weibliche), er dieOffenbarungen ihres Gefühls und ihrer geistreichen Ein-fälle ins Systematische (Männliche) übersetzt. Ist diesein Schaden ? Haben Sie mir doch selbst gestanden, dafses Ihnen stets Freude mache, in fremdem Idiom zusprechen, nicht nur um sich darin zu üben, sondern weildie geistige Anstrengung, die es kostet, sich in eineDenkweise, in die ganze Logik einer andern Nationhinein zu versetzen, Ihnen eine solche geistige Elasticitätgebe, dafs Sie oft bemerkt hätten, Sie seien geistreicher,wenn Sie französisch sprächen. Nun, ich denke, diesist wenn dies anders bei Ihnen noch möglich istgewifs kein Unglück. Ganz Ähnliches aber geschieht unsjedesmal im Gespräch mit einer Frau, die uns interessiert,geschieht in weit höherem Grade da, wo wir sie lieben,geschieht um so mehr, je mehr in unsern Gesprächenjene Solöcismen der weiblichen Natur hervortreten, diewir so wunderschön finden, obgleich unsere plumpenmännlichen Wendungen sie nicht ganz wiederzugebenvermögen. Wir wollen nicht unnütz bescheiden sein.Ähnlich wird es den Frauen auch mit uns gehen, auchsie werden manche Wendung des männlichen Denkens

Psychologische Briefe. Siebente Aufl. 9