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Psychologische Briefe / von Dr. Johann Eduard Erdmann
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Fünfzehnter Brief.

man nicht zu weit gehen, und wo man Kinder zur blofsenGedächtnisübung Gedichte auswendig lernen läfst, diesmit dem schwierigem Lernen prosaischer Aufsätze ab-wechseln lassen. Ein Kinderkopf verträgt nicht nur,sondern erfrischt sich durch vieles Lernen; nur Einesmacht ihn krank und vielleicht für zeitlebens: dasunzeitige Hervorrufen des eigenen Denkens. Nur durchGehorchen lernt man Befehlen, nur im Lernen übt mansich, selbst zu denken.

Hätte ich nicht glücklicherweise eben jetzt über-lesen, was ich in diesem Briefe] von der einbildendenThätigkeit der Intelligenz gesagt habe, so hätte es mirleicht passieren können, dafs ich einen neuen Absatz mitdenselben Worten begonnen hätte, mit welchen ichdort *) vom Abstrahieren zum Symbolisieren überging. DieVersuchung zu solcher Wiederholung ist sehr grofs, dahier ein ganz gleiches Verhältnis wiedergekehrt ist. DieIntelligenz nämlich, welche ich vorbildende genannt habe,indem ihre Bilder jetzt dem Gegenständlichen Gesetze vor-schreiben , hat, wie ich zeigte, erstlich die Wörter ge-schaffen, sie hat dann zweitens die Wörter sich gemerktoder sie gelernt. Ich habe, während andere Psychologenhier die Ausdrückeproduktives und reproduktives Ge-dächtnis brauchen, nur das letztere Verhalten mit demWorteGedächtnis bezeichnet, welches mir also nurbedeutet: das Behalten der Wörter. Offenbar nunbilden diese beiden Verhaltungsweisen einen Gegensatz,wie oben das Denken an den Gegenstand und das Fort-gehen von demselben einen Gegensatz gebildet hatte. Ebensowie dort die Frage entstand, ob und wie beides zu ver-einigen, ebenso werden wir uns hier fragen müssen: Istes, und wie ist es zu denken, dafs die Intelligenz hin-

') Fünfzehnter Brief pag. 358.