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Die Urwelt der Schweiz / von Oswald Heer
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577
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Zeitdauer der Wcltalter.

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im Osten aufsteigen werde. Eben so gut könnte man sich die Lebens-dauer des Menschen tausendmal länger, seine Sinnesauffassung tausendmallangsamer vorstellen, als sie thatsächlich ist, endlich so langsam, daß ihmTag und Nacht verschwinden und die Sonne nicht mehr als Kugel, sondernals ein feuriger Ring erscheinen wurde. Es ist bekannt, daß eine Kugel,an einer Schnur im Kreise geschwungen, als Ring erscheint, sobald sie eineSchnelligkeit erreicht, welche das Auffassungsvermögen überschreitet." Einvernünftiges Wesen, dessen Leben nur einen Zeitraum von Einem Tag um-fassen würde, bekäme daher eine ganz andere Vorstellung von der Welt alsein solches, das hundert oder gar tausend Jahre leben könnte, und damitmüßte auch der Maßstab, den es dem Weltall gegenüber anlegen würde,ein anderer werden. Nun ist aber dieses angeborene menschliche Zeitmaß ausdas Weltall angewendet ein winzig kleines. Wir werden dessen sogleich ge-wahr, wenn wir die zeitlichen mit den verwandten räumlichen Verhältnissenvergleichen und die Mittel, die der Mensch hier anwendet, um eine Vor-stellung oder doch eine Vorahnung von der überwältigenden Großartigkeitderselben zu erhalten. Wir haben uns z» erinnern, daß die Erde, mit unseremKörper verglichen und gemessen, zwar sehr groß ist, aber unendlich kleinim Verhältniß zum Weltall . Die Entfernung von China scheint uns sehrgroß zu sein; allein was sind diese paar tausend Meilen gegen die 20'/?Millionen Meilen, welche die Erde von der Sonne, oder gar gegen die-l'/j Billionen*, welche sie vorn ersten Firstcrne trennen! Nun kennt manSterne, die durch 3 bis 6 Sternweiten von uns getrennt sind, und unzäh-lige, welche der Meßarm der Astronomen nicht zu erreichen vermag und vondenen einzelne Distanzen von 10,000 Stcrnweiten vermuthen lassen. EinBlick an den gestirnten Himmel zeigt uns daher Sterne hinter Sternen bis inunendliche, unfaßbare Fernen hinaus. Und einer dieser Sterne ist der Planet,der uns zur Wohnstätte angewiesen ist. Seine Entwicklungszeiten müssenmit einem ähnlichen Maßstabe gemessen werden wie die räumlichen Ver-hältnisse des Weltalls, während aber die mathematische Astronomie dieMittel gefunden hat, um wenigstens für die der Erde näheren Sterne die-selben durch Zahlen auszudrücken, fehlen diese Mittel noch der Geologie, undso leicht es gegenwärtig ist die Reihenfolge der Gebirgsformationcn zu be-stimmen und zu sagen, was jünger oder älter ist, so schwer oder vielmehrso unmöglich ist cS, die Zeitmaße auch nur annähernd in absoluten Zahlen

* Von dieser Ziffer, welche eine Sternenweite ausdrückt. erkalten wir eine Ver-stellung, wenn wir bedenken, daß ein Mann 130,000 Jahre leken müßte, um 4'/, BilliencnPulsschlägc zu machen.

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