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Die Urwelt der Schweiz / von Oswald Heer
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582
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Allgemeine Betrachtungen.

Zweifel ausfüllen müssen; wir würden sie jetzt daher nicht in der Umgebungder See'n, sondern in ihren Betten treffen. Als die Gletscher später zurück-schmolzen, trat an ihre Stelle wieder der blaue Wasserspiegel. Wir verdankendaher den Gletschern die Erhaltung unsrer See'n, welche zu den Hauptzierdcnunsers Landes gehören.* Den Gebirgsgegenden, die von keinen Gletschernbedeckt waren, fehlen daher die See'n, so dem Himalaya , weil, wie Falconergezeigt hat, keine Gletscher die Gebirgsspalten vor der Ausfüllung mitSchutt geschützt haben.

Die Gletscher haben sich aber noch in anderer Weise an unsern See-bildungen betheiligt, sie haben stellenweise am Ansgang derselben Moränenhinterlassen, wodurch der Seespiegcl erhöht werden mußte. So durchbrichtdie Limmat bei Zürich eine Moräne, und der Jseo- und Garda-See finddurch einen Riegel alten Gletscherschuttes aufgestaut. Als eigentliche Mo-ränensee'n können wir vielleicht die von Sempach und Baldegg, ferner diekleinen See'n von Pnsiano, Annone und Alstrio, in der Brianza, betrachten,indem ihr Ausfluß von so bedeutenden Gletscherschuttmassen umgeben, daßdiese vielleicht bis auf das alte Flußbett hinabreichen und dieses zugestopfthaben.

Während wir demnach den diluvialen Gletschern einerseits die Er-haltung unsrer See'n zuzuschreiben haben, haben sie andererseits sich wesent-lich an Ausgleichung der Unebenheiten des Bodens betheiligt, indem durchdie ungeheuren Schuttmäffen, die sie brachten, zahllose Vertiefungen aus-gefüllt wurden. Durch das Abschmelzen der Gletscher müssen enorme Wasser-massen entstanden sein, welche das herbeigeführte Material von Sand und ,Steinen weiter verführt, natürlich auch die Fluß- und Bachbette vielfach

* Es ist dieß von Professor Esther von der Linkt, in seiner Abhandlung über die Ge-gend von Zürich in der letzten Periode der Vorweist 1852, nachgewiesen worden. Das Vor-kommen von geschichtetem Diluvium unter erratischen Blocken bat G. v. Mortillct zu derAnficht geführt, daß die Seebecken von den Schutlmasscn ausgefüllt, später aber von denGletschern ausgehöhlt worden seien svgl. Larto ckes aneieirs xlaoiers <Iu versank Italien ckes ^Vlpes, und Oastalcki et ölortillet snr la tlieoris cko I'all'onilleinent j»Iaelarre), sodaß die jetzigen Seebecken durch die daS Bett vertiefende» und ausfressenden Gletscher ent-standen wären. Noch weiter find Prost Namsav und Pros. Tyndall gegangen, welche sogardie Thäler der Alpen durch Gletscher ausfurchen lassen. Gegen diese Hypothesen spricht dieThatsache, daß der Gletscher den darunter liegenden Boden gar nicht so tief angreift (vgl.S. 521), wie der Ausgang des Rosenlauigletschers zeigt, wo das abfließende Wasser sichtiefer eingegraben bat als der darüber liegende Gletscher. Und welche Wirkungen müßte manannehmen, da der Langensee eine Tiefe von 2630 Fuß und der Comersee von 1860 Fuß hat!Es haben sich daher gewiß mit vollem Reckt die Herren Prost Studer (fle Voiiginv «los laos suisses. Libl. univers. 1864.) und Desor gegen eine solche Anficht ausgesprochen.