Der härteste und zugleich ungerechteste Schlag traf Escher gerade da, wo sein grösstes Ver-dienst lag, traf ihn dann, als ihm der frühere Loh- und Preisruf „Escher vom Gotthard!“ zumHohnschrei verwandelt zugeschleudert wurde. Ein Riesenwerk, wie der Bau der Gotthardhahnwohl genannt werden darf, ist selbstverständlich nicht für die That eines einzelnen Mannes auszu-geben. Escher hat bei der Planung und Ausführung desselben viele begabte Helfer und eifrigeMitarbeiter gehabt. Aber dass e r die Seele des ganzen Unternehmens war, dass vorzugsweise seinWagemuth, sein finanzpolitisches Wissen, sein parlamentarischer Einfluss, seine diplomatischeGeschicklichkeit, seine unermüdliche Beharrlichkeit es zu Stande gebracht haben, — dass e r esgewesen, der, als das grosse Werk, halb vollendet, zusammenzubrechen drohte, fest in der Breschestand, umtobt von Spott und Lästerung, die ganzen Tage und die halben Nächte hindurch arbeitete,mit unsäglicher Geduld die zerrissenen Fäden wieder aufnahm und zusammenknüpfte, überallhinaufklärend, beruhigend, ermuthigend eingriff, also und dadurch das im ersten Schrecken für unmög-lich Gehaltene möglich machte, d. h. die Rekonstruktion der Gotthardbahngesellschaft und damitdie Vollendung der Centralalpenüberschienung sicherte, — dass vor allem von ihm das Dichterwort:
„Nur endlose Arbeit vermochte zu schlagen
Die Brücke zum Ziel durch die Brandung der Zeit —“welches der Geschichtschreiber der Gotthardbahnunternehmung seinem Buche mit Fug vorgesetzthat r ), zu sagen und zu singen ist, das steht geschichtlich fest, und an dem Gotthardgranitblockdieser Thatsache mussten die Schmutzwellen des Neides, der Verkleinerungssucht und der Klatsch-wutli ohnmächtig zerschellen.
Ich habe es sehr zu bedauern, dass mir hier der Raum fehlt, das so eben Ausgesprochenemittelst einer aktenmässigen Beleuchtung alles dessen, was Escher für die Gotthardbahn gethan,näher zu begründen. Es wäre hiebei auch verschiedener interessanter Episoden zu gedenken, wiez. B. einer Begegnung Eschers mit Bismarck in Baden-Baden, wo er in Gemeinschaft mit DirektorStoll aus Zürich und Bürgermeister Stehlin aus Basel im Spätsommer 1865 Namens der „Gotthard-vereinigung“ die erste Anknüpfung zu Verhandlungen mit Deutschland machte. Aber ich darf nichteinmal der Lockung nachgeben, hier mitzutheilen, was mir in Eschers handschriftlichen Aufzeich-nungen über die Gotthardunternehmung vorliegt, eine Geschichte des grossen Werkes in koncisesterFassung, die Ergebnisse vieljähriger Denkarbeit, Verhandlungen, Sorgen und Mühen aller Art aufwenige Oktavseiten zusammengedrängt, ein wahres Stilmuster sachgemässer Bestimmtheit und durch-sichtiger Klarheit. Ein Muster parlamentarischer Debattirkunst war ihrerseits die Rede, womitEscher in der Sitzung des Nationalraths vom 2. August 1878 eine zweite Subvention der Gotthard-bahn von Bundeswegen befürwortete und die er mit dem halb zuversichtlichen, halb wehmüthigenSatze schloss: „Ich hoffe, dass die Bewilligung der Bundessubvention für die Eidgenossenschaft einsegensreicher Tag werde, und dass mit der Zeit über diejenigen, welche der Lösung einer sopatriotischen Aufgabe, wie der Bau der Gotthardbahn genannt werden muss, sich gewidmet haben,ein günstigeres und gerechteres Urtheil gefällt werde, als dies jetzt der Fall ist.“ Wir werdensehen, dass diese Hoffnung für den Sprecher noch bei seinen Lebzeiten schön sich erfüllte.
Auf der Höhe seines Daseins, bevor Krankheit und Kummer ihn gebeugt, war Escher eineimponirende Erscheinung. Wohlgebaut, breit von Brust und Schultern, stand er an sechs Fusshoch in seinen Schuhen. Der rundliche Kopf mit der schöngewölbten Stirn, den blauen Augen, derblühenden Gesichtsfarbe, dem dunkelblonden Haar und Bai’t vollendete das Ebenmass der hohenGestalt. Etwas sehr Gewinnendes hatte der Mund und die sonore Stimme hielt, was die fein-geschnittenen Lippen versprachen. In Haltung und Benehmen Hess er den allseitig gebildetenWeltmann sehen, aber er zeigte ihn nicht, und wie er in seinem Anzug auf schlichte Wohlanständig-keit hielt, so traf er im Verkehr mit den Menschen ungesucht den Ton republikanischer Einfachheit.Alles Gespreizte, Aufgespannte, Komödiantische und Reklamenhafte lag ihm fern und war ihmzuwider. Sein Haushalt ist auf stattlichem Fuss eingerichtet gewesen, wie es ihm ja seine Mittelgestatteten. Aber von prunkendem Luxus, von herausfordernder Grossthuerei keine Spur. Wer
’) Dr. M. Warmer: Geschichte der Begründung des Gotthardunternehmens. Bern, 1880. Damit ist zusammen-zuhalten: H. A. Berlepsch, die Gotthardbahn. Beschreibendes und Geschichtliches. Gotha, 1881.
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