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1 (1885) Geschichtliche Darstellung und biographische Schilderungen / auf Wunsch der Familie nach den Quellen bearbeitet und zusammengestellt von C. Keller-Escher
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So, wie sie vom Webstulil kommt, wird die aus solcher hart gezwirnter Seide bereitete feineGaze mit Wasser angefeuchtet. Es hat dies zur Folge, dass jeder einzelne Faden sich aufzudrehenstrebt, so dass das Zeug gleichsam lebendig wird und in Gährung geräth. In diesem Zustande inregelmässige und eng anschliessende Falten gepresst, büsst der Stoff in Breite und Länge sehrbedeutend ein, behält dagegen sein Faltenbild unverwüstlich bei, während aller nachher noch überihn ergehenden Operationen (Beize, Färbung und Appretur). Die Manipulation des Eindrückens derFalten, das sogenannte Kräusen, war, so lange sie von Hand geschah, ungemein zeitraubend, wurdedann aber durch die im Anfang des XIX. Jahrhunderts in Lyon erfundene Kräusmaschine sein-erleichtert. Solcher Maschinen waren in der Escher'sehen Fabrik bis vor dreissig Jahren nochmehrere im Gebrauch.

Die für Bologneserflor erforderliche Seide kam nicht, wie Organzin und Trame, in gezwirntemZustand in den Handel; des harten Zwirnes wegen konnte sie nicht an Strängen, sondern nur aufSpulen zum Zetteln oder Weben aushingegeben werden. Der Fabrikant musste daher seine Gregeselbst zwirnen und vorher beim Ankäufe dieser letztem sein Augenmerk auf vorzügliche Waarerichten, welche allein für den Artikel taugte. Heinrich Escher erbaute kurz nach 1730 am Silil-kanal gegenüber der Werdmühle ein gewaltiges Gebäude, das Raum für sechs durch drei Stock-werke hinaufreichende kolossale Haspel bot, deren Achsen durch ein Wasserrad in Drehung versetztwurden. Die sogenannteSeidenmühle im Sihlhof war die erste Zwirnerei mit Wasser-motor und blieb wohl ein Jahrhundert hindurch die einzige dieser Art. Sie zählte anfänglich7776 Spindeln, auf denen wöchentlich 35 Kilogramm rohe Seide zu Kreppzwirn verarbeitet wurden.1116 Winderhäspel im vierten Stockwerk, die ebenfalls vom Motor aus in Bewegung gesetzt wurden,dienten zum Abhaspeln der rohen Seide, bevor sie auf die Seidenräder gelangte. Die Gesammtzalilder Arbeiter betrug 36. Die Eschersche Seidenmühle im Sihlhof galt im XVIII. Jahrhundert alseine der Merkwürdigkeiten Zürichs, die hervorragende Reisende zu besuchen nicht unterliessen. DerHannoveraner Andreae, der im Jahr 1763 Zürich besuchte, ist in seinen Reisebriefen des Lobesdarüber voll und wünscht nichts besseres, als auch in seinem Vaterlande dergleichen Fabrikenblühen zu sehen. Bei dem geringen Gewicht und der zum Theil sehr geringen Breite des Bologneser-flors reichte die Leistung der Zwirnerei für den Bedarf von 600 Webstühlen hin. Später wurdedie Winderei geräumt und dafür die Spindelzahl auf 9068 vermehrt. Das Winden fand, wie fürTrame, fortan auf dem Lande statt. Die zur Speisung der Zwirnerei nöthigen ca. 20 Ballen Seidewurden von Lugano bezogen; hier befand sich auch eine Filiale für die Lieferung von Werpfen,deren man in Zürich bei starkem Gang des Geschäftes nicht genug zu beschaffen vermochte. DieWebstühle waren im Uebrigen, besonders für die schmalen Nummern, höchst primitiver Natur; aufdas Weben dieser schmalen Nummern von 6 bis 20 Zoll Breite wurden schon die Kinder der Land-leute eingeübt, während die Erwachsenen in der Regel Stücke bis auf Stabbreite woben.

Die Blüthezeit der Fabrikation des Bologneserflors fiel in die Mitte und in die zweite Hälftedes XVIII. Jahrhunderts. Gleich von Beginn der Escherschen Fabrik an vernehmen wir, dass ihrProdukt hinter dem Bologneser-Fabrikat in keiner Weise zurückblieb, dagegen wohlfeiler erstelltwerden konnte, so dass es sich rasch in Holland und Deutschland, sowie auch im Eisass einbürgerte.

Im Gewerbehaus des Seidenhofes arbeiteten zwölf bis sechszehn Männer, jeder mit eigenemKräusapparat und einem Knaben zur Handreichung. Der Wochenlohn eines Kräusers stieg auf2Y 2 Gulden, derjenige eines Knaben auf 1 Gulden. Die Arbeitszeit erstreckte sich im Sommer vonMorgens 6 Uhr bis Abends 6 Uhr, mit einer Stunde Unterbruch über Mittag, im Winter dagegennur auf die Dauer der Tageshelle, so dass im Dezember Zwirnerei und Kräuslokal schon vor 5 UhrAbends verlassen wurden. In der Zwirnerei liess man allerdings die Maschinen auch ohne Bedienungüber Nacht gehen, auf die Gefahr hin, dieselben durch einen Zufall gehemmt oder arg beschädigtzu sehen. Bei besonderen Anlässen, wie z. B. beim Absterben fürstlicher Personen, deren esdamals in Deutschland bekanntlich eine ungezählte Menge gab, wurde die Tagesarbeit ausgedehnt,ja sogar ununterbrochen Tag und Nacht gekräust und appretirt. Eine Suppenanstalt war für diesenFall von den Damen des Hauses vorgesehen.

Der schönere und billigere Bologneserkrepp that nun dem alten, glatten Zürcherflor, wie erbis dahin fabrizirt worden war, wesentlichen Abbruch, jedoch erhielt sich dieser noch längere Zeit