Johannes Escher (St. T. XI, No. 161), gewöhnlich der Freihauptmann*) genannt, war eingebildeter, energischer, nach Prinzipien handelnder Charakter, der, ohne persönlich einzugreifen, anden öffentlichen Angelegenheiten und an den sich vorbereitenden Welthändeln lebhaften Antheilnahm. Als Kaufmann leitete er in Verbindung mit seinen Brüdern und einem Vetter die alteEschersche Creppfabrik im Seidenhof. Durch seine Gattin, Anna Barbara Landolt (Nichte von FrauAnna Dorothea Escher, geb. Landolt, No. 130, seiner Stiefmutter), eine begabte, liebenswürdige Frau,fiel ihm der „Felsenhof“ zu. Er verliess daher den Seidenhof und bezog das genannte, einst demBürgermeister Hans Caspar Landolt eigentümliche Haus, welches wie alle vornehmen zürcherischenWohnhäuser aus den ersten Dezennien des vorigen Jahrhunderts zwar keinen äusserlichen architek-tonischen Schmuck trägt, dagegen durch die schöne und solide Ausstattung im Innern ein sehr behag-liches Heim darbot. Hier erblickte am 10. August 1775 Hans Caspar Escher das Licht des Tages,einer der würdigsten Sprösslinge seiner Familie, der in der Folge dem Namen „Escher“ weit überdie Grenzen seines Vaterlandes hinaus einen guten Klang verschaffte und dessen Lebenslauf wir hieretwas eingehender verfolgen müssen.
Hans Caspar Escher 2 ) war eine jener Naturen, die bei der entschiedensten Befähigung, mandarf wohl sagen, bei angebornem Genie für ein gewisses Gebiet der menschlichen Wirksamkeit dennochlängere Zeit umhertas* m müssen, bis sie das Arbeitsfeld gefunden haben, für welches sie berufenund auserwählt sind. Bei aller Lebhaftigkeit des Geistes zeichnen sie sich bei den Lehrern gewöhn-lichen Schlags nirgends aus; sie mühen sich redlich ab in dem ihnen zuerst von wohlwollendenEltern und Verwandten zugewiesenen praktischen Berufe, ohne den auf sie gesetzten Hoffnungenund Erwartungen zu entsprechen und ohne sich selbst zu genügen; sie werden endlich durch unwider-stehlichen inneren Drang auf das ihnen vor Augen liegende, dem noch immer verdeckten wirklichenLande der Verheissung nächst verwandte Gebiet getrieben, bis erst in reiferem Alter eine glück-liche Fügung, wie zur Belohnung für unverdrossenes, tüchtiges Streben sie mit jenem Elementzusannnenbringt, für welches sie eigentlich geschaffen sind. Wie Schuppen fällt es plötzlich vonihren Augen; fest und unbeirrt, wie eine Naturkraft, greifen sie ein mit schöpferischer Lust; festund unbeirrt wandeln sie von diesem Augenblicke an ihres Weges in dem ruhigen Bewusstsein,ihre Bestimmung zu erfüllen. So stellt sich das Leben Eschers dar.
Abgestossen von dem trockenen, formal-sprachlichen Unterricht der damaligen GelehrtenschuleZürichs, nicht sonderlich angeregt von dem Unterricht an der sogenannten Kunstschule, in die ihnsein Vater auf dringende Bitten versetzte, fand der lebhafte Jüngling auch hinter den Schreibbücherndes väterlichen Comptoirs keine Befriedigung und begrüsste die Theilnahme an einer militärischenGrenzbesetzung bei Basel zur Wahrung der schweizerischen Neutralität in dem deutsch-französischenKriege von 1793 als eine Erlösung. Er zeigte ebenso grosse Vorliebe, wie grosses Geschick fürden Militärdienst und kehrte als Feldwebel nach Hause zurück. Als Lehrling musste der Jünglingnun zwar nicht wieder einstehen; aber dass er sich als einziger Sohn dem väterlichen Seidengeschäftwidmen werde, galt immer noch als selbstverständlich. In einem Geschäftshause zu Livorno sollteer sich für dasselbe tüchtig machen. Mit einem treuen Zürcher Freunde zog der junge Mann frohenMuthes über die Alpen (Oktober 1793).
Prinzipale und Geschäftsverhältnisse an dem neuen Wohnorte trugen nicht dazu bei, die bishervermisste Liebe zu dem ihm bestimmten Berufe zu wecken. Vor jenen konnte Escher ebenso wenigAchtung gewinnen, wie vor den meisten seiner jugendlichen Standesgenossen, die sich in der See-stadt einem liederlichen Leben ergaben. Die Geschäfte lagen darnieder in Folge der französischenRevolutionskriege, in welche Italien immer mehr verwickelt wurde. Dass Escher dennoch seinePflichten gewissenhaft erfüllte, verstand sich bei seinem Charakter von selbst. In den Freistundenund Freitagen trieb ihn aber Neigung und Liebhaberei vor Allem zum Studium des Schiffsbaues,wozu der belebte Hafen reichlich Gelegenheit bot, und zur eingehenden Betrachtung der Bauwerke
‘) Bis 1798 war die zürcherische Infanterie in vier Brigaden von zwei Bataillons eingetheilt. Die erste Kompagniejedes Bataillons hiess, weil sie aus einer freien Auswahl der besten Mannschaft bestand, Freikompaguie, ihr Chef derFreihauptmann.
2 ) Vgl. Neujahrsblatt des Zürcherischen Waisenhauses für 1867.