Buch 
1 (1885) Geschichtliche Darstellung und biographische Schilderungen / auf Wunsch der Familie nach den Quellen bearbeitet und zusammengestellt von C. Keller-Escher
Entstehung
Seite
121
JPEG-Download
 

121

konservativ, und seine Ansicht über die grosse Wünschbarkeit, in Betracht namentlich der vonAussen drohenden Gefahren den Streit möglichst schnell zu beendigen und mit den von der Regie-rung anerbotenen Konzessionen sich zu begnügen, geht bezeichnend aus einer von ihm entworfenenUmbildung der Rede des Konsul Quintius Capitolinus bei Livius III. 67 hervor, worin unter andermsteht:Wann wollt ihr endlich aufhören, mehreres zu begehren? Wann habt ihr genug, wannwollen wir diese liebe Stadt wieder für unser gemeinsames Vaterland ansehen? Wir sind ja allegleiche Bürger, keinem ist der Zutritt zum Regiment versperrt. Wer hat uns denn so bezaubert,dass ihr könnt glauben, was der Obrigkeit an Ansehen abgehe, das gehe einem jeden Bürger anseiner Freiheit auf? In Betrachtungen, die er in hohem Alter über seine reichhaltigen Erfahrungenin Behandlung bürgerlicher Unruhen niederschrieb, sagt er, er habe sich dabei immer zweier Sachenäusserst beflissen, nämlich so wenig als möglich einerseits an den alten Regimentsformen zu ändern,anderseits die Betheiligten beider Parteien durch Verhängung von Strafen zu verletzen, damit nichtein Stachel zurückbleibe, die Bewegung bald wieder anzufangen. Ueber die Gründe solcher Unruhenschreibt er, nach seiner Beobachtung sei die Erbitterung gegen die Obrigkeit immer daraus ent-standen, dass unter den Regenten eine Faktion sich gebildet habe, welche alle Gewalt an sichgezogen und alle Urtheile und Wahlen nur nach ihren Interessen einzurichten gewusst habe; dieseBeobachtung nebst seiner natürlichen Neigung zur Freiheit sei der Grund gewesen, wesshalb ersich nie in eine Faktion eingelassen und, wenn eine solche sich erhoben, ihr so viel als möglichwiderstanden habe; er und die Seinigen haben desshalb oft leiden müssen und bei Wahlen wenigEinfluss besessen ; aber wann dann ein Feuer ausgebrochen sei, habe er Kredit genug gefunden, umdasselbe zu löschen, da Niemand ihn habe zur Partei machen können. Damit wird in der That dieStellung, die er in dem ganzen weitern Verlauf im öffentlichen Leben einnahm, treffend bezeichnet.

Ein Wendepunkt wurden diese Unruhen von 1713 für das Verhältniss Eschers zu ObmannBodmer, der eine Hauptrolle dabei gespielt hatte. Escher sagt von demselben:Er war einePerson, die die Geschäfte schnell gefasst und wohl darüber geurtheilt, die innerlichen Bewegungendes menschlichen Gemüthes verstand er sehr wohl und redete gern und gründlich von Gott undgöttlichen Dingen; die Art eines jeden Menschen und womit selbiger zu gewinnen, merkte erungemein wohl und wusste einem jeden zu begegen, wie er es gern hatte; seine äusserlichenManieren waren nit complimentos, sondern ungezwungen, jedoch gar polit. Für die Unparteilichkeitim Urtheilen und die Handhabung der Gerechtigkeit war er sehr eifrig, dabei generös und uninte-ressirt. Er redete viel mit Worten der heil. Schrift, allezeit dezisiv und wie einer, der von seinenSachen überzeugt ist und es mit Jedermann wohl meint, daher er viel Beifall gefunden. Mit diesenTalenten hat er sich grossen Kredit erworben. Neben diesen guten Eigenschaften habe aber immerbei ihm bemerkt einen etweichen Enthusiasmum oder Fanatismum und viel Einbildung, seine Ein-fälle seien von Gott, eine grosse Unbeständigkeit seiner Inklination. Heute konnte er eine Personoder ein Buch ä la folie lieben und morgen eben so heftig hassen. Endlich hatte er einen unüber-windlichen Widerwillen gegen Beschäftigungen, die eine Assiduität erfordern. Er war niemals ruhigund hatte wenig Schlaf. Wir waren gegen einander sehr vertraut. Von 1704 bis 1712 habe ichviel Zeit vergnüglich mit ihm zugebracht, es war zuletzt fast keintwederem wohl, wenn wir nichtbei einander waren. Nach dem Toggenburgerkrieg hatte sich die Einbildung, Unruhe und Leiden-schaft Bodmers zum Theil auch im Zusammenhang mit dem Drucke ökonomischer Sorgen gesteigert.Da er anfing, in ehrgeizigen Träumen sich zu wiegen, Anhang suchte bei Leuten, mit denen erfrüher nichts hatte zu thun haben wollen, und Aeusserungen von ihm fielen, es wäre wohl möglichin Zürich ein Cromwell zu werden, konnte Escher nicht mehr wie früher mit ihm Zusammengehen.Die alte Freundschaft trieb ihn aber doch, als die Unruhen ihren Anfang nahmen, Bodmern ernst-liche Vorstellungen zu machen. Sie fanden keinen Eingang; Bodmer sagte schliesslich, Escher werdees mit den Seinigen zu entgelten haben, wenn er nicht Partei halten wolle und sandte ihm nachder Unterredung ein Billet, welches die Worte enthielt: Augustine surge et lege lib. Esther IV13, 14. 1 ) Escher antwortete sofort:Meiner Person halb bleibe ich bei der Resolution; was aber

2 )Gedenke nicht, dass du dein Lehen vor allen Juden aus in dem Hause des Königs erretten werdest. Dennwenn du zu dieser Zeit dazu stille schweigen wirst, so wird den Juden Hülfe und Errettung von einem andern Ortkommen; du aber und das Haus deines Vaters werden umkommen.

16