Buch 
Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
Entstehung
JPEG-Download
 

eitdem man sich mit dem Studium des deutschen Alterthums imGebiete der Wissenschaft sowohl, als der Kunst, ernster und gründ-licher befaßt, ward auch dem Studium des gothischensollte eigent-lich heißen deutschen Styles die ihm so lange vorenthaltene Aner-kennung stets allgemeiner zu Theil, und man blieb bald nicht beibloßer Anerkennung und Bewunderung stehen, sondern gieng auch zu praktischerAnwendung desselben in der eigentlichen Baukunst, wie in der Ornamentik über-haupt, in vielen Gegenden Deutschlands über. Den Kennern dieses Styles kannjedoch nicht entgehen, daß dessen Anwendung in den allerwenigsten Fällen eine gelun-gene zu nennen war. Den Grund hiervon aufzufinden, ist nicht schwierig. Wir haben

eine Masse von schätzbaren Werken, welche Abbildungen der vorzüglichsten undmanm'chfachsten alten Kunstdenkmale im gothischen Style enthalten. Diese wurdenbisher, wenn Gebäude oder andere Werke in diesem Style ausgeführt werden sollten,so benützt, daß man aus den verschiedensten alten Originalen die am passendstenscheinenden Details entlehnte und zu einem Ganzen zu verbinden suchte. Alleinauf diese Art konnte niemals ein wahres Kunstwerk aus einem Gusse zu Standekommen, vielmehr mußte bei solchem Verfahren aller gute Sinn für die Sache mehroder weniger doch nur auf der Oberfläche und mithin dem Wechsel, wie jede andereMode, unterworfen bleiben. Erwägt man nun, daß früherhin der antike Styl diealleinige und unumschränkte Herrschaft in der Kunstwelt ausübte, und bedenkt man,daß einerseits trotz des wiedererwachten Sinnes für die vaterländische Kunst, undtrotz der gerühmten Vielseitigkeit unserer Kunstrichtungen auf allen deutschen Aka-demien und andern Lehranstalten der gothische Styl sogar noch jetzt vom Unterrichteausgeschlossen, und daß andererseits noch kein eigentliches Lehrbuch erschienen ist,welches, für die Bedürfnisse des Künstlers und Werkmannes berechnet, auf einepraktische Art die Grundregeln desselben zusammenstellt, und so jeden befähigt, selbst-erfundene Compositionen und Entwürfe darin auszuführen, so kann aus mangel-hafter Kenntniß und Anwendung desselben Künstlern und Werkleuten wohl kein