202
XVII bis XXVIII. Anwendung der geometrischen Grundsiguren
auf die vegetabilischen Verzierungen des Styls, nämlich Bildung der Giebel-Fialen- und Kreuz-Blumen, dann des Laub- und Arabesken-Werks an Kapi-talen und Kragsteinen, so wie in Hohlkehlen und architektonischen Feldern,
Tapeten oder Teppichen.
1. VlachweisunI geometrischer Gesetze in den vegetabilischen Vlaturbildungen.
eine Laubverzierung giebt es, welche nicht gleich jeder Maaßwerksverzierung, auf eine geome-trische Grundfigur sich zurückführen ließe. Zwar ist die Bildung der Laubornamente nachgeometrischen Prinzipien erst in der mittleren und spätern gothischen Periode entschieden alssolche hervorgetreten, wahrend man in der ältern Periode (z. B. am Kölner Dome ) in demLaubwerk mehr eine bloße Naturnachahmung wahrnimmt. Daß jedoch jede Naturform einergewissen Stylisirung bedarf, um in der Architektur anwendbar sein zu können, geht schon ausdem Beispiele der antiken Architektur hervor, welche ja auch die Formen des südlichen aeantkus oder derwelschen Bärenklau in ihrer Anwendung auf die Laubverzierung der Säulencapitäle stylgemäß modificirte. Mankann daher die Nothwendigkeit dieser Stylisirung zugeben, wenn man auch die allzu streng geometrische, oder diezu künstliche Gestaltung derselben nicht für empfehlenswerth hält. Beide Methoden, sowohl die bloße Naturnach-ahmung, als die geometrische Stylisirung der Naturformen, führen jedoch in sofern auf eine Quelle zurück, alsdie wirkliche Pflanzenbildung (wie schon in der Einleitung S. IX angeführt wurde) lebendig geometrische Prin-zipien in sich enthält. Man kann daher in der architektonischen Nachbildung solcher Formen nicht fehlen, wennman sich der nämlichen geometrischen Grundfiguren bedient, welche in den Naturgesetzen der Pflanzenbildung sicherkennen lassen. So bilden die Durchschnitte von Baumstämmen und Pflanzenstengeln (wie auch mancher Blätter)unverkennbar geometrische Figuren, welche auf der Theilung des Kreises (vergl. die Figuren des Borlegeblatts I)beruhen. Der Durchschnitt der meisten Baumstämme und vieler Pflanzenstengel (besonders des gefleckten Schier-lings) ist der Kreis. Bon den kreisrunden Blattdurchschnitten führe ich als Beispiel die Sumpfbinse an. DerDurchschnitt der Sidaart, wie des Riethgrases, besteht in dem Dreieck; jener des Oleasters, wie der Blätter derMittagsblume, enthält ein konvexes Dreieck. Der Durchschnitt des Pflanzenstengels des Johanniskrautes, dannunter den Schwerteln jener des K'luttiolus tristis, ferner der Kalmus-Iris bildet ein Biereck. Der Durchschnittdes Stengels des klebrigen Labkrautes zeigt ein concaves oder geschweiftes Biereck. Der Durchschnitt des Pflanzen-stengels der Lobelie ist ein konvexes Fünfeck. Der Durchschnitt des Stengels der eerei besteht in einem
Sechseck, und jener des Stengels der Euphorbie wird, seinen äußern Ecken nach, durch eine, aus der Uebereck-stellung dreier Dreiecke übereinander entstandene Triangulatur gebildet. Es giebt aber noch weit complicirterePflanzenstengel-Durchschnitte, welche auf das überraschendste an die Durchschnitte gothischer Gewölbschäfteerinnern. So enthält der Stengeldurchschnitt des sechseckigen Cactus einen spitzbogigen Sechspaß, und bei jenemdes eaetus ti innAuInris kommt auch der rundbogige Sechspaß als Durchschnitt des Stengels vor. (Borlege-blatt m, Figur 4.) Der Durchschnitt des Kürbisstengels ist ein concaves Biereck mit abgerundeten Ecken, ähnlichdem Durchschnitte eines sehr einfachen Gewölbschaftes. Der Stengeldurchschnitt der Heidelbeere besteht in einemViereck mit vier halben Rundstäben an den vier Seiten, und zeigt demnach entschieden die Schaftform des Ueber-gangsstyls. Noch auffallender ist der Stengel -Durchschnitt des Salbey splenäens, der ein Biereck mit achthalben Rundstäben, nämlich vier an den vier Seiten, und vier an den vier Ecken bildet, also ganz dem Durch-schnitte von Schäften mit viereckiger, über Eck gestellter Hauptform entspricht. Ebenso merkwürdig ist der Durch-schnitt des Pflanzenstengels des durchlöcherten Johanniskrauts, welcher die größte Aehnlichkeit mit dem Durch-schnitte eines gothischen Fenfterpfostens hat. Auch die äußere Form mancher Baumstämme bietet schöne Vorbilderdar, welche um so mehr zur Nachahmung für einzelne Fälle im Gebiete der Architektur empfohlen werdenkönnen, als sie zu den, noch nicht ausgebeuteten, Formen gehören. Ich meine hiermit vorzüglich jene Gestaltungen,welche sich bei den Nadelholzstämmen ergeben, wenn man dieselben ihrer Nadeln entkleidet. Einen sehr deutlichen