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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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auszeichnen und unterscheiden, mit beinahe fanatischem Hasse zu verdrängen sich bemühten, weil die gothischennur aus einer Verschnörkelung der lateinischen hervorgegangen seien, dieß ist sicherlich eine der sonderbarstenGrillen! Man könnte mit dem nämlichen Rechte auch die gothische Architektur verwerfen, denn auch sie istaus dem älteren Rundbogenstyle (wie dieser aus der römischen Architektur) nach und nach hervorgegangen, undkönnte mithin eben so gut eine verdammenswerthe Verschnörkelung des Rundbogenstyles genannt werden indemrömische Architektur und lateinische Buchstaben, Rundbogenftyl und Mönchsschrift und endlich gothische Architekturund gothische Buchstaben in gleichzeitigem Entwicklungsgänge einander nachfolgten. Schließlich bemerke ich, daßich die Bildung der Wappenschilde, fliegenden Zettel und Buchstaben deßhalb hier zusammengefaßt habe weilsie in der That zusammen gehören, insofern Wappen und Inschriften als historische Erklärungen an altenMonumenten stets neben und mit einander vorkommen.

xxxii. Behandlung des Holzwerks im gothischen Style.

ängliche Verhältnisse herrschen, wie überhaupt im gothischen Style, so vorzugsweise in derHolzarchitectur vor, indem dieselben hier des Materiales wegen viel leichter als in Stein aus-führbar sind. Dieß zeigt sich z. B. bei der Fialenconstruction, bei welcher langgestreckteGestaltungen sich deßhalb besser zur Ausarbeitung in Holz eignen, weil letzteres wenigerzerbrechlich als Stein ist. Ich bezeichnete daher die oben über die Bildung der Fialengegebene Regel des Meisters Roriczer als besonders anwendbar für die Holzconstruction.Was die eigentliche Holzarchitectur, nämlich die Holzconstruction von Häusern betrifft, so führte ich hierüber obenS. 41 und 43 einiges an; der Umfang gegenwärtigen Buches gestattete nicht, tiefer hierauf einzugehen, undich verweise in dieser Beziehung auf das, so viele interessante Beispiele enthaltende, mehrerwähnte Werk Bötticher'süber die Holzarchitectur des Mittelalters, so wie auf die statistische Uebersicht bemerkenswerther HolzverbindungenDeutschlands vom Architekten Geier (Mainz 1841), welch' letztere u. a. die Dachstuhlconstructionen sehr ausführlichbehandelt. Ueber die Construction der (einen Hauptbestandtheil der Holzarchitectur bildenden) verschiedenenArten von hölzernen Schäften habe ich mich S. 37 bis 44, und bei Erklärung des Vorlegeblattes Xiv. X auchüber die Bildung der getäfelten (vergl. S. 42 und 43), wie der gewölbten Holzdecken verbreitet. Ferner behandelteich oben S. 115 und 116, so wie auch S. 117 und 118 die Bildung der holzgeschnitzten gothischen Thüren,so wie der geschnitzten Thürflügel steinerner Pforten. Zu erwähnen sind noch einige einzelne Gestaltungen inHolzwerk, unter welchen die geschnitzten gothischen Altäre, die Chor- und Bet-Stühle, wie auch die baldachin-artigen Schalldeckel von Kanzeln die erste Stelle einnehmen. Kleinere Arbeiten dieser Art bestehen in denübrigen kirchlichen Holzgeräthschaften, wie z. B. in den Sakristei-Schränken für die Kirchen-Paramente,Musikpulten, u. dergl. Ein interessanter Musikpult befindet sich in der Kirche des Städtchens Herrieden bei Ansbach , bei welchem der eigentliche Pult durch die ausgebreiteten Flügel eines Adlers gebildet wird.Auch kleinere Reliqm'enkästchen kommen von Holz vor. Ein solches befindet sich in der Kunstsammlung desSchlosses Erbach im Odenwald,welches bemalt und vergoldet ist. Selbst Monstranzen fertigte man ausnahmsweiseaus Holz, wie die überaus reiche und fein ausgearbeitete, vergoldete Monstranz aus Lindenholz beweist, welcheder Dom zu Freysing besitzt. Dieselbe hat eine Höhe von 4 Schuhen 2'< Zoll, und diente des leichtern Materialswegen ehedem (und auch jetzt wieder) zum Gebrauche bei der Frohnleichnamsprozession *).Mit den Holzschnitzereienarchitektonischer Gestaltungen steht die eigentliche Bildschnitzerei oder Ausführung von Figuren in Holz in engsterVerbindung, welche in neuerer Zeit zur Ausschmückung der Kirchen mit Recht wieder in Aufnahme kommt.Eines der ausgezeichnetsten Holzsculptur-Werke, welches aus dem Mittelalter sich erhalten hat, ist das Hauptwerkdes Ulmer Meisters Jörg Syrlin des Jüngeren: der Altar in Blaubeuern mit großen Figuren und reicher

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*) Man fand diese Monstranz vor Jahren mit abgebrochenen Fialen- und Helm-Spiben Aus den ^

daß dieselben gewunden waren. Nach dem noch vorhandenen stellte ich das Fehlende in einer Zeichnung in natürlich^ ^/"^'rochenen Helme ersah man jedoch,Bildhauer F. Eberhard m München diese Monstranz mit Ergänzung der mangelnden Figuren im Jahre 1833 restau/t ^ der verstorbene

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