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iv. Construction der verschiedenen Arten von Bögen,
und Zeichnung des Eingreifens der Gewändeglieder in den Wasserschlag.
un folgen die Constructionen der verschiedenen Arten von Bögen, welche im gothischenStyle vorkommen. Auch hier läßt sich die Construction der Formen aus geometrischenFiguren nachweisen. Der gerade Sturz ist die Anwendung der wagerechten Linie. Derhalbkreisförmige Bogen beruht auf dem Kreise. Die beiden Hauptarten der Spitzbögensind, wie bereits an Schlüsse des vorigen Abschnitts erwähnt wurde, aus dem gleich-
D fettigen Dreiecke und aus zwei sich durchkreuzenden Quadraten construirt. Aber auch die
flachen Kreisbögen lassen sich —gleich den meisten Spitzbögen — aus gleichseitigen oder ungleichseitigen Drei-ecken, z. B. Figur 2 aus dem gleichseitigen Dreiecke u 1> c, Figur 3 aus dem ungleichseitigen Dreicke a bäerklären. Das Quadrat liegt — außer dem aus ihm construirten Spitzbogen — auch noch andern Formen zuGrunde, wie z. B. bei den geschweiften Bögen der Figur 14 das Quadrat 6 6 fA untergelegt ist. Eben folassen sich bei den gebrochenen Spitzbögen längliche Vierecke als deren Grundlage annehmen, indem z. B. derFigur 7 das Biereck ub 6 6 und der Figur 8 das Biereck u Ir 6 f insofern untergelegt ist, als in Figur 7die Bögen nf und t b mittelst Deffnung des Zirkels von 6 nach u und von 6 nach k, und in Figur 8
die Bögen a A und A b mittelst der Zirkelöffnung von t' nach a und von 6 nach k construirt sind. So lassen
sich alle Formen auf geometrische Figuren reduciren, oder sind vielmehr aus ihnen hervorgegangen. Aus derMannigfaltigkeit der im gothischen Style angewendeten Bögen geht hervor, daß der gebrauchte Ausdruck„Spitzbogenstyl" — abgesehen davon, daß, wie in der Einleitung gezeigt worden, das Wesen der Sachein keiner äußern Form, sondern in der innern (gewissermaßen unsichtbaren) Construction der Grundformenberuht, — nicht erschöpfend ist, da der Spitzbogen zwar die höchste, aber nicht die einzige Potenz der imgothischen Style vorkommenden Bogenformen ist. Derselbe hat die verschiedensten Arten von Bögen sich anzu-eignen gewußt, und sogar der dem spitzbogigen entgegengesetzteste, nämlich der gerade Sturz, blieb nicht aus-geschlossen. — Entgegengesetzt den sogenannten maskirten oder fingirten Formen der modernen Architekturwaren die Formen des gothischen Styles stets wahr, indem sie nach dem Gesetze der Zweckmäßigkeit und derdurch äußere Raumverhältnisse gegebenen Nothwendigkeit jedesmal modificirt wurden, was im vaterländischenStyle vermöge der eigenthümlichen, ihm innwohnenden Biegsamkeit aber auch leichter wie in jedem anderndurchgeführt werden konnte. Da anderer Zweck andere Mittel erheischt, war stets bei den Fenstern der Wohn-gebäude der geradlinige Sturz, und bei den Formen kirchlicher Gebäude der spitzbogige der vorherrschende,ungeachtet ausnahmsweise auch bei Kirchen der gerade Sturz für die eigentlichen Thüröffnungen spitzbogigerPortale sehr häufig, und die Thore von Wohnhäusern fast regelmäßig mit Spitzbögen geschlossen sind. Der Spitz-bogen, als die schönste und vermöge seiner Construction aus dem Dreiecke zugleich symbolische Bogenform istdarum schon für kirchliche Gebäude und alle dem christlichen Cultus angehörenden Gegenstände die passendsteForm; er ist aber auch hier seiner vollen Entwicklung nach, nämlich in Berbindung mit dem Giebel,durch welche die Vereinigung aller Theile in einen höchsten Punkt zu Stande kommt, allein konsequentdurchzuführen, weil seine Anwendung bei kirchlichen Gebäuden allein durch keine beschränkten Höhenver-hältnisse gehemmt ist. Diese Berbindung des Spitzbogens mit dem Giebel (Figur 25), wie sie bei Portalen,und im reichverzierten Style auch bei Fenstern vorkömmt, erfordert die höchste Höhe, welche bei weltlichenGebäuden selten zu Gebote steht, auch im Innern von Gebäuden nicht anwendbar ist, wenn diese nicht unge-wöhnliche Höhe besitzen, und eben so wenig bei Decorirung nicht allzuhoher Räume gebraucht werden kann.Für solche Falle wird die geschweifte Form der Figur 25 vorzuziehen sein, welche die nämliche Ausschmückungder Theile, wie Figur 25, namentlich durch Fialen zu beiden Seiten und Abblattung*) der Kanten mit Blumenerhält (wie in den Borlegeblättern XVI und xvm ausgeführt ist, und schon an und für sich wegen ihrer
v) Siehe die Einleitung Seite VIII, zweite Note.